Es gibt Dramen, deren Figuren einem nie sympathisch werden, für die man aber durchaus Mitleid empfindet, weil sie offenbar nicht aus ihrer Haut heraus können. Und es gibt Stücke, die einige Zeit nach einer populären Verfilmung wieder auf die Bühne zurückkehren. In beide Kategorien gehört Patrick Marbers 1997 uraufgeführtes Werk "Closer" ("Hautnah"), das den Autor schlagartig berühmt machte. Nun wird das nicht gerade prüde Stück dem eher konservativen Publikum des Vienna’s English Theatre vorgesetzt.

Es geht um vier Personen - die Stripperin Alice (ihren wahren Namen erfährt man erst später), die Fotografin Anna, den Journalisten Dan und den Arzt Larry. Hinter den Beziehungen, die zwischen ihnen entstehen, erkennt man kaum tiefe Gefühle, sondern - vor allem seitens der narzisstisch wirkenden Männer - eher sexuelle Obsessionen. "Sie lieben ihre Träume, nicht uns", sagt Anna zu Alice. Die Qualitäten des Stückes beruhen nicht nur darauf, dass es den Zeitgeist trifft - etwa mit einem schlüpfrigen Internet-Chat und einer Lapdance-Szene -, sondern auch zeitlose Themen anspricht: Begierde, Eifersucht, Untreue, Rache. Je näher die Figuren einander kommen, desto mehr scheinen sie sich zugleich von einander zu entfernen.

Regisseurin Emma Lucia Hands serviert "Closer" nicht so schrill, wie es möglich wäre, sondern relativ dezent. Mit dem Sprechtempo und dem Wortschatz tun sich Nicht-Native-Speaker aber eher schwer. Die vier Rollen sind mit Amanda Victoria Vilanova (Alice), Michael Edwards (Dan), Daniel Llewelyn-Williams (Larry) und Claire Cordier (Anna) gleichwertig gut besetzt.