• vom 13.04.2018, 16:23 Uhr

Bühne

Update: 13.04.2018, 16:30 Uhr

Theaterkritik

Fünfmal Emma und zurück




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Von Hans Haider

  • Das Theater in der Josefstadt zeigt "Madame Bovary" nach dem Roman von Gustave Flaubert.

Maria Köstlinger als eine der Emmas in vorderer Reihe.

Maria Köstlinger als eine der Emmas in vorderer Reihe.© Astrid Knie Maria Köstlinger als eine der Emmas in vorderer Reihe.© Astrid Knie

Will man sich auf Gustave Flauberts "Madame Bovary" einlassen, muss man zum 450-Seiten-Buch greifen. Das Theater in der Josefstadt entlässt seine Zuseher nach drei Stunden Hörensagen bloß mit Ahnungen vom Inhalt des Epochenromans, der auf einer Provinzzeitungsmeldung fußt: Eine durch Affären und geplatzte Wechsel kompromittierte Landarztgattin hat sich umgebracht. Der Arztsohn Flaubert lieferte 1857 eine mögliche Vorgeschichte dieses Selbstmords hinterher. Haben die Romane der Romantiker, von Walter Scott und anderen Dichtern von gestern, zur Flucht aus der bürgerlichen Wirklichkeit in Liebes- und Luxusabenteuer verführt? Erbarmungslos realistisch fand Flaubert eine Sprache für die kleinstädtische Gefühlswelt im Zweiten Kaiserreich. Ebenso selbstquälerisch penibel zeichnete er die Landschaften, Interieurs, Moden und Marotten. Jean-Paul-Sartre deutete im Monumentalessay "Der Idiot der Familie" Flauberts Schreiben als dessen eigene Pathografie. Doch den berühmten Satz "Madame Bovary - c’est moi" hat der Dichter wohl nie geschrieben.

Fünfmal Emma

Information

Theater

Madame Bovary

Von Gustave Flaubert

Fassung von Anna Bergmann und Marcel Luxinger

Anna Bergmann (Regie)

Theater in der Josefstadt

Wh. bis 25. Juni

Wie alle im Regiefach, die Romane auf die Bühne stellen, steht auch die 40-jährige Ostdeutsche Anna Bergmann unter Originalitätsdruck. Jüngst zur Intendantin in Karlsruhe ernannt, ließ sie mit der Ankündigung aufhorchen, nur Frauen an die Regie zu lassen. Radikal, gewiss, doch nicht sehr klug. Auch ihre Emma-Bovary-Regie folgt einer radikalen Ansage: "Die Aufteilung der Emma auf fünf Schauspielerinnen geht auf unsere Überzeugung zurück, dass Emmas große emotionale Instabilität Züge einer Borderline- Persönlichkeitsstörung aufweist." Geliefert hat sie mit ihrem Koautor Marcel Luxinger, einem Schweizer Dramenkonfektionär, jedoch nur ein durch Showeinlagen und Pop-Lyrics (von Portishead, The Swell Season, Hole) aufgelockertes Deklamier-Aggregat in der falschen Größenordnung.

Denn statt Beengtheit, wie in der Bilderwelt des Zeitgenossen Daumier, baute Katharina Faltner überhohe Räume und kleidete Lane Schäfer die Damen in einer falschen Neoromantik, inklusive Loungerie. Wie die Hindu-Göttin Kali winken Maria Köstlinger, Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle hintereinander postiert mit zehn Armen. Köstlinger dominiert, die anderen Emmen markieren wechselnde Gefühlslagen: als girrendes Täubchen, gierige Lustgans, entrückter Engel, frommes Hauspatscherl und Selbstverletzerin mit dem Bügeleisen am Schienbein. Dieses Weiber-Pandämonium werden Anna Bergmann die Schwestern nicht danken.

Den Abend beginnt der brillante Christian Nickel als Erzähler. Er ist Rodolphe, der gewissenlose Galan, Emmas erster Kopfverdreher. Seine Chronik wird vorerst mimisch begleitet: Emma am Piano, im Bücherregal und auf einem Bügelbrett, das wie ein Sprungbrett aus der Wand ragt. Erst nach dem Ausflug in eine große Schlossgesellschaft - man sieht davon nur Schemen hinter Flügeltüren - beginnen die Emmen Dialoge, sprechen im Chor und oft durcheinander und agieren dabei in einer distanzierten Künstlichkeit wie in einem Marionettentheater. Dagegen wirkt Emmas Töchterchen, eine von Suse Wächter geführte Mama-Puppe, anmutig menschlich.

Gewichtige Vollfiguren

Dr. Bovary (Roman Schmelzer) und der junge Liebende Léon (Meo Wolf) gewinnen als Vollfiguren mehr Gewicht als die flattrige Emmelei. Siegfried Walters Rolle als pfaffenhassender Dorf-Voltaire ist gestutzt. Rodolphe spricht es einmal aus, und viele Zuschauer kichern zustimmend: "Langsam langweile ich mich ob soviel Lieblichkeit." Ein Stichwort für die Regie, Gas zu geben. Jetzt teilt sich die Kulisse in einzelne Türme, sie werden herumgeschoben, neu arrangiert, plötzlich Republik, ein Telefon, ein Rollerboard, Emmas Schulden werden in Euro addiert.

Nach diesem bemühten Brückenbau in die Gegenwart stirbt Emma unter Qualen - Köstlingers Finale grande. Ulli Fessl in Trauerrobe, mit kaltem Gesicht wie der Tod, ruft eine Wehklage aller von Männern beschädigten Frauen hinterher - entlehnt aus Heiner Müllers "Hamlet-Maschine": "Ich bin Emma. Die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Auf den Lippen Schnee. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd..." Ein Adieu im lauwarm bedankten Kitschpathos.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-13 16:27:15
Letzte Änderung am 2018-04-13 16:30:55


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