• vom 16.04.2018, 17:20 Uhr

Bühne

Update: 16.04.2018, 18:01 Uhr

Opernkritik

Ein Sommernachtstrauma




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Von Christoph Irrgeher

  • Erfolg für Benjamin Brittens "A Midsummer Night’s Dream" im Theater an der Wien.

Geschützt im Arm des Kroko-Esel-Bären: Maresi Riegner als Waisenkind Puck im Theater an der Wien.

Geschützt im Arm des Kroko-Esel-Bären: Maresi Riegner als Waisenkind Puck im Theater an der Wien.© Werner Kmetitsch Geschützt im Arm des Kroko-Esel-Bären: Maresi Riegner als Waisenkind Puck im Theater an der Wien.© Werner Kmetitsch

Allein der Esel würde sich einen Preis verdienen. Ein naturalistisches Abbild ist das nicht, eher eine seltsame Mischung aus dem Kuscheltier-Fantasiefach: Riesig und flauschig anzusehen wie ein Zottelbär, hat dieses Wesen die freundlichen Knopfaugen eines Teddys und das Langmaul eines Krokodils unter seinen Eselsohren.

Das Habitat dieses pelzigen Exoten ist das Theater an der Wien: Seit Sonntag läuft hier Benjamin Brittens "Sommernachtstraum", 1960 nach der gleichnamigen Shakespeare-Komödie geschaffen. Regisseur Damiano Michieletto, bekannt für seine sprühende Fantasie, erzählt die Geschichte allerdings in einem neuen Gewand. Sein "Sommernachtstraum" ist keine Begegnungszone für Elfen und Menschen, sondern eine zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Information

Oper

A Midsummer Night’s Dream

Theater an der Wien

Wh. bis 25. April, 01/58885

Das Treiben an einer englischen Schule bildet hier den Boden der Realität, im Zentrum ein Problemkind namens Puck. Der ist aus gutem Grund störrisch, hat seine Eltern nämlich bei einem Verkehrsunfall verloren und saß (man sieht es in einem Erinnerungsvideo) selbst im Unglückswagen. Mit einer Maske versteckt er sich vor der Welt, lindert seinen Schmerz vor allem mit Fluchten in ein Fantasiereich. Dort regieren Titania und Oberon, ein Elfenkönigspaar, das seinen Eltern wie aus dem Gesicht geschnitten ist - und ihn ins Zentrum jener Komödie katapultiert, die Britten auf Shakespeares Pfaden vertont hat.

Unlogisch, aber berührend

Eine Tausendschaft rührender Details spricht im Laufe des Abends für dieses Regiekonzept, ein Grund aber auch dagegen. Und zwar: Es ist nicht stringent. Wenn die Elfen nur in Pucks Kopf spuken, können sie nicht auf seine Umwelt einwirken. Genau das aber passiert in dieser Komödie im großen Stil: Oberon befiehlt Puck, den Gefühlshaushalt zweier Paare mit einem Zauberpulver durcheinanderzuwirbeln. Eine Tat, die hier dann auch dem Teenager-Puck gelingt. Wie er allein durch Fantasiegestalten an die entsprechenden Substanzen kommt, ist das große Rätsel des Abends.

Angesichts der Bilderflut verliert man dies aber schnell aus den Augen. Michieletto malt Pucks Sehnsuchtswelt bis ins letzte Buntstiftdetail aus, er sorgt in einem Turnsaal (Bühne: Paolo Fantin) für eine wahre Seifenblasen-Invasion, lässt Neonfarben strahlen und den erwähnten Zottelbären antanzen (Kostüme: Klaus Bruns). Bei Shakespeare, wir erinnern uns, markiert ein verzauberter Esel den haarsträubenden Höhepunkt der Liebeswirren: Mit der nötigen Dosis Zauberstaub bedacht, frisst die Königin Titania einen Narren an dem plumpen Tier. Michielletto hat sich die Szene poetisch anverwandelt: Sein Esel erweist sich als Riesenkopie eines Kuscheltiers, das Puck einst von seinen Eltern bekam; die Liebesschwüre Titanias gelten dann auch nicht dem lieben Vieh, sondern ihrem Sohn.

Exzellente Besetzung

Wer nun meinen sollte, der "Sommernachtstraum" sei hier zur Tragödie verdüstert worden, irrt. Michieletto lässt die Darsteller mit der Energie einer ganzen Teenagerhorde balzen und balgen, die Gesangsleistungen sind fulminant: Der Countertenor von Bejun Mehta (Oberon) schillert mit der Celesta um die Wette, Daniela Fally (Titania) hält mit resolutem Ton dagegen, Maresi Riegner (Puck) entstößt sich die Sprechtexte mit gebotener Dringlichkeit. Und die Pärchen? Rupert Charlesworth (Lysander) und Tobias Greenhalgh (Demetrius) raufen mit so viel Stimm- und Körpereinsatz um die liebreizende Mirella Hagen (Helena), dass man schon vom Zuschauen schwitzt. Natalia Kawalek komplettiert das Quartett tadellos, und Tareq Nazmi gibt einen vierschrötigen Mitschüler mit dem nötigen Schalldruck für die herrlich hoppertatschige Laientheateraufführung am Ende. Zuletzt Jubel, auch für die Wiener Symphoniker: Dirigent Antonello Manacorda lässt die Elfen-Glissandi zart wispern, schöpft aber vor allem den Drive dieser Partitur voll aus, die schillernd wogt und gern in zwei Tonarten gleichzeitig unterwegs ist. Ein Zauber, den man erleben sollte, bevor er wieder aus der Wiener Repertoire-Realität verschwindet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-16 17:25:15
Letzte Änderung am 2018-04-16 18:01:31


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