Ein Mannsbild als Schatten, scharf umrissen wie im Ganzkörperscanner, auf dem hellen Vorhang, der die Bühne noch verschließt. Frauenstimmen dahinter flüstern: Gefallen dir meine Füße? Gefällt dir mein Hintern? Mit ganz unklassischer erotischer Stimmungsmache beginnt die 90-Minuten-Tourneefassung von Lessings Trauerspiel "Emilia Galotti". Dann Vorhang auf! Jan Thümer darf man trotz nackter Brust die Kinderstube eines Prinzen glauben. Peter Fasching, dessen Kammerherr und Ränkeschmied Marinelli, folgt jeder Regung seines Herrn angespannt, doch scheinbar lässig wie ein Mafioso. Sobald Martina Spitzer, Emilias Mutter, das Interesse des Prinzen für ihr Kind wittert, verfällt sie in einen lustvollen Ganzkörperkrampf. Kathrin Grumeth beginnt mit dem Rachegebrüll einer weggelegten Braut und endet in stummem Frauenelend. Günther Wiederschwinger: ein starker Herr als Bürger Galotti. Dominik Jedryas: ein Edelmann gefangen in Manieren und Stil. Fehlt wer? Von Marlene Hauser in der Titelrolle will Lukas Holzhausen als Regisseur bloß bürgerliches Mittelmaß.

Prinz Hettore ist in Lessings 1772 vollendetem dramatischem Meisterstück seiner standesgemäßen Verlobten Orsina überdrüssig. Der Gedanken an die Bürgerstochter Emilia reizt seinen Jagdtrieb erst, als er erfährt, sie heirate einen anderen. Dieser stirbt bei einem Überfall, den des Herrschers Hiwi inszeniert. Emilia wird in des Prinzen Schloss und in Holzhausens Konzept wohl auch ins Bett entführt. In den glockenhellen Dialogen zwischen Prinz und Marinelli erfüllt sich Lessings Diktum: "Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt." Der Prinz wird unschuldig-schuldig an der Katastrophe durch sein Gewährenlassen.

Im grellweißen Bühnenkubus (von Jane Zandonai) sind die Türen so niedrig eingeschnitten, dass sie jeden auf der Schwelle in die Knie zwingen. In diesen Käfig werden, zumeist zu zweit, die sieben Figuren gesetzt zum Studium ihres Wesens, Treibens. Ihre Bewegungen, oft schmerzlich-komisch überdrehte Gesten, gelingen in betörender Präzision. Kühl distanziert klingen die aus dem doppelt so langen Drama herausziselierten Wechselreden. In diesem tragischen Spiel darf auch gelacht werden. Holzhausen, eine hauseigene Regieentdeckung, zerrt es nicht hinab in aktuelle Betroffenheit - Me-too, Ehrenmord -, sondern erhebt es zu bisweilen paradoxer Künstlichkeit. Der Prinz buckelt sich herein, sieht ein Mädchen im blutverschmierten Brautkleid, aber fragt nicht nach dem Warum.

Lessing folgte, man schrieb schon Frühzeit des Klassizismus, der Erzählung von einer Jungfrau im alten Rom, der ihr Vater den guten Ruf rettete, indem er sie tötete. Er siedelt sein deutsches Drama in einem Kleinfürstentum des Settecento an. Prinz und Marquis, Gräfin und Graf und die sittliche bürgerliche Familie Galotti erscheinen in heutigen Gewändern (von Werner Fritz). Erst im Schlussbild, um den sozialen Kontrast zu schärfen, erscheinen der Herrscher und sein intriganter Büttel vor dem zivil gekleideten Galotti in Hofbrokat mit Lockenperücken. Derweil wandert schon ein Messer von der Hand des Vaters in die der Tochter. Theaterblut benetzt die bleiche Wand. Ein reines Wesen ist von edlem Vaterwillen und rücksichtslosem Männerbegehren, gepaart mit Intrigantenkunst, ums Leben gebracht. Pest oder Cholera: die Frau hatte keine Chance.