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Bühne

Update: 01.05.2018, 15:42 Uhr

Performancekritik

Babel sprechen




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Von Theresa Luise Gindlstrasser

  • Liquid Loft zelebriert beim Donaufestival eine "Church of Ignorance".


© David Visnjic/Donaufestival © David Visnjic/Donaufestival

Die Dominikanerkirche Krems ist etwas Bizarres. Mit dem Bau der Kirche wurde um 1240 begonnen. Sie ist Teil des ehemaligen Dominikanerklosters. 1786 im Zuge der Josephinischen Reformen säkularisiert, dient der Bau seit 2011 als Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Ohne alle religiösen Insignien erscheint die katholische Überwältigungs-Architektur tatsächlich freundlich, hell, weiträumig. 2017 platzierte das Donaufestival Krems die fünfstündige Performance "Habitat" von Doris Uhlich in eben dieser Halle. 2018 gelangt "Church of Ignorance" von Liquid Loft zwischen sandbraunen, babylonisch hohen Mauern zur Uraufführung.

Sprache als Dickicht

Information

Performance
Church of Ignorance
Von Chris Haring/Liquid Loft
Donaufestival Krems

Als Teil der Projektserie "Foreign Tongues" greift "Church of Ignorance" auf die Slang, Dialekte und Minderheitssprachen umfassende Audio-Bibliothek von Liquid Loft zurück. Manch Sound-File fand auch schon Eingang in die vorangegangenen Bühnenarbeit, die im Februar 2017 im Tanzquartier Wien gezeigt wurde. Diese Schnipsel interessieren im Kontext der "Church of Ignorance" aber nicht als inhaltlich bedeutungsvolle Rede. Sondern als Klangbild. Und als Material für die von den insgesamt acht Performenden vorgenommene körperliche Synchronisierung. Während der Ton individuell angesteuert aus portablen Lautsprechern kommt, gestikulieren die schwarz gekleideten Körper, öffnen sich präzise die Münder, fließt der Atem im Takt der abstrahierten Klänge.

Typisch für Arbeiten von Liquid Loft ist die manisch-detaillierte Genauigkeit, mit der der künstlerische Leiter Chris Haring den vorab aufgenommenen Sound und die Choreografie synchronisiert. So schnell kann man gar nicht schauen, da purzelt schon der Klang aus den Körpern. Nein. Das ist die erzeugte Illusion. Wer oder was da vorher war, die Henne oder das Ei, der Mund oder das Wort, das wird während der einstündigen Performance zum Nebenschauplatz.

Nach und nach entschlüpfen aus Kapuzenpullovern Köpfe. Luke Baio, Dong Uk Kim, Katharina Meves, Dante Murillo, Anna Maria Nowak, Arttu Palmio, Karin Pauer und Hannah Timbrell beginnen zu predigen. Im Kirchenschiff verteilt, entsteht ein Gebrabbel, es wird immer lauter, die Sprache als Dickicht. In schnellen Szenenübergänge wechseln die Performer zwischen Gruppenaktionen und kleinen Soli.

Der ehemals sakrale Raum wird voll durchlaufen. Die Apsis, die Wände, die Säulen, von überall her entstehen Situationen. Ohne inhaltlich bedeutungsvoll zu werden, wandeln sich die Beziehungen zwischen den Performenden. Diese schälen sich aus schwarzen Schichten, stopfen Kleidungsstücke in Hosen und mutieren zu dämonisch brabbelnden Wesen und verführerisch auf Einzelne zugehende Bittstellende. Das Sommer-Sonnenlicht flutet den Raum. Ganz bestimmt, die "Church of Ignorance" macht hier einen Wort-Gottesdienst.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-01 15:33:36
Letzte Änderung am 2018-05-01 15:42:32


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