• vom 04.05.2018, 17:19 Uhr

Bühne

Update: 04.05.2018, 17:32 Uhr

Theaterkritik

Kotze auf Kokoschka




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Von Christina Böck

  • Zivilisationsverlust mit Tulpen: "Der Gott des Gemetzels" im Theater in der Josefstadt.

Unterdrückte Gewalt: Michael Dangl, Judith Rosmair, Susa Meyer, Marcus Bluhm (v. l. n. r.). - © Moritz Schell

Unterdrückte Gewalt: Michael Dangl, Judith Rosmair, Susa Meyer, Marcus Bluhm (v. l. n. r.). © Moritz Schell

Knusperinchen ist tot. Der Staubsaugerroboter war es nicht, der auf der Josefstädter Bühne schon seine Runden zieht, noch bevor das Gemetzel überhaupt beginnt. Der Hamster Knusperinchen wurde von Michel (Marcus Bluhm) ausgesetzt, in einem Akt der beiläufigen Brutalität. Ein Symbol für alles, was an diesem Abend bei Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" noch kommen wird, wenn sich zwei Elternpaare zur Besprechung der Parkrauferei ihrer Söhne treffen. Gut, Tote im engeren Sinn wird es nicht geben, außer ein paar geköpfter Tulpen, die in einem Ausbruch von verlagerter Gewalt dekorativ hysterisch von Annette (Susa Meyer) über die Bühne geschleudert werden.

Sie und ihr Mann Alain (Michael Dangl) sind zu Gast bei Veronique (Judith Rosmair) und Michel, weil ihr Sohn dem Sohn der anderen zwei Zähne ausgeschlagen hat. Wie zivilisierte Erwachsene wollen sie die Angelegenheit auf Designersesseln zwischen Kunstbüchern klären. Wobei die zwischen Osterinsel-Gesicht und afrikanischer Maske oszillierende Riesenskulptur im Wohnzimmer von Michel und Veronique schon einen recht großen Schatten vorauswirft auf die Archaik, die sich hier im kalten LED-Licht bald entfachen wird.

Information

Theater
Der Gott des Gemetzels
Theater in der Josefstadt
Wh.: 12., 13., 28., 29. Mai

Ach so humanistisch

Denn Alain ist nicht sehr bei der Sache, er muss ständig am Handy den Ruf einer Pharmafirma retten, die sich mit Nebenwirkungen ein bisschen verkalkuliert hat. Die überironische Freundlichkeit von Veronique gerät darob schnell ins Wanken. Dem Magen von Annette bekommt das - und der penetrant beworbene Kuchen von Veronique - nicht. Sie übergibt sich auf das Kokoschka-Kunstbuch, das seit den 50er Jahren vergriffen ist. Das lässt die ach so humanistische Veronique, die an einem Buch über die Tragödie von Darfur schreibt, trefflich entgleisen.

Während sich im Hintergrund der Bühne Alain hingebungsvoll duscht, kippt das Dilemma in eine neue Richtung und erst agitieren die Männer munter gegen die Frauen, worauf sich die Frauen auch nicht lumpen lassen. Dazwischen bricht aus Annette neben Galle auch der lange aufgestaute Hass auf ihren Gatten und ihr Leben heraus, bis sich am Ende die Konstellation wieder "normalisiert" und die beiden Elternpaare sich einfach nur mehr gegenseitig verachten.

Yasmina Rezas Erfolgsstück, das es in der Verfilmung durch Roman Polanski bis nach Hollywood geschafft hat, lässt Regisseur Torsten Fischer nicht allzu viel Gestaltungsraum. Dem Stück ist irgendwie immanent, dass es einen, wenn man es einmal gesehen hat, nicht mehr überraschen kann. Umso mehr Bedeutung haben die Schauspieler, die den Abend sehenswert machen. Judith Rosmair spielt Veronique mit einer dosiert überschäumenden Hysterie, Marcus Bluhm ihren Mann Michel lakonisch und mit subtiler Brutalität. Michael Dangl ist ein glatter Jurist, dessen Primitivität sich ab und zu Bahn bricht, etwa wenn er Krückenträger verhöhnt. Hinreißend ist aber vor allem Susa Meyer als Annette, deren eruptive Unzufriedenheit nicht nur die armen Tulpen in Bewegung bringt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-05-04 17:24:35
Letzte Änderung am 2018-05-04 17:32:53



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