Berlin. Zum Auftakt des 55. Berliner Theatertreffens (5. bis 21. Mai) drehte sich alles um die Volksbühne. Auf der Bühne ließen es Frank Castorf und "sein" Volksbühnen-Ensemble noch einmal richtig krachen. Die siebenstündige "Faust"-Variation mit Martin Wuttke in der Titelrolle und Sophie Rois als Hexe, war Castorfs letzte Premiere an seinem Haus. Zum Ausklang seiner 25-jährigen Intendanz gelang ihm damit ein Bühnenspiel der Extreme, das noch einmal aufs Beste das vereint, wofür Castorf und sein Team stehen: Verausgabung und Exzess. Der Jubel war demnach vorprogrammiert: Das Publikum bedachte die Eröffnung des Theatertreffens mit minutenlangen Standing Ovations.

Die Aufführung wurde übrigens nicht an der Volksbühne gezeigt, sondern im Haus der Berliner Festspiele, weil Castorf nicht am Rosa-Luxemburg-Platz spielen wollte, solange Chris Dercon dort Intendant war. Der enorme Aufwand - 60 Mitarbeiter adaptierten in 500 Arbeitsstunden das Bühnenbild - macht "Faust" zum aufwändigsten Gastspiel in der Geschichte des Theatertreffens.

Die Ironie daran: Im April gab Dercon völlig überraschend seinen Rücktritt als Volksbühnen-Intendant bekannt. Zweieinhalb Jahre lang wurde im Berliner Kulturleben mit geradezu ideologischer Inbrunst über Dercon versus Castorf gestritten, der Veteran des Sprechtheaters gegen den Propheten des Performativen in Stellung gebracht. Nach nur sieben Monaten gab Dercon nun auf. Der Grund: finanzielle Schwierigkeiten. Beliebtes Pausengespräch war natürlich auch die Frage: Wer ist der Nächste? Als aussichtsreicher Kandidat gilt Matthias Lilienthal, den man beim Theatertreffen auch allerorts antraf. Der überraschend nicht- verlängerte Intendant der Münchner Kammerspiele war seinerzeit Chefdramaturg bei Castorf.

Theorievokabular


Der Volksbühnen Klatsch mag zwar zum Hintergrundrauschen des diesjährigen Theatertreffens gehören, doch eigentlich ist die alljährliche Leistungsschau vor allem eine Befragung des Gegenwartstheaters. Bei den "zehn bemerkenswertesten" Aufführungen des deutschsprachigen Theaters, ausgewählt von einer siebenköpfigen Jury, geht es stets auch um die großen Fragen: Wo steht das Theater heute? Welche Fragen umkreist es aktuell?

"Die Inszenierungen rütteln an unserem mitteleuropäischen Selbstverständnis, das weiß, männlich und privilegiert ist", sagte der Leiter des Theatertreffens Daniel Richter zur Eröffnung. Im Vorwort des Programmhefts hält der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, fest, dass es beim Branchentreff ein neues Diskursprogramm gäbe, in dem es um "gesellschaftlich umkämpfte Bereiche wie Dekolonisierung, strukturelle Ungleichheit, hegemoniales Wissen und Gendergerechtigkeit" gehe.