Wie verändern die schier unbegrenzten digitalen Überwachungsmöglichkeiten unser Empfinden von Wirklichkeit? Welche Überformungen gehen mit der digitalen Welt einher?

Der Theaterabend "Digitalis Trojana", von Dramatiker Bernhard Studlar und Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen, setzt sich mit diesen Fragen auseinander und entwirft dabei eine theatrale Sprache, die unserer medialen Alltagswelt nahekommt: Wer täglich zwischen mehreren Bildschirmen - Computer, Smartphone, Tablet - hin und her switcht, ist eingeübt in Kontext- und Perspektivwechseln. Dieser Logik folgt auch "Digitalis Trojana": Alles ist etwas dynamischer, partizipativer und trickreicher als gewohnt. Zugleich wird aber ein spannender Sci-Fi-Thriller erzählt, in dem von Ehebruch bis Verrat, Intrige und sogar Mord so ziemlich alles aufgeboten wird, was eine saftige Serie ausmacht.

Das Projekt zielt darauf ab, das derzeit beliebte Streaming-Serienformat mit dem analogen Medium Theater zu versöhnen. Angelegt ist "Digitalis Trojana" als Triptychon. Teil eins war eine begehbare Soziale-Medien-Installation, bei der etwa eine fingierte politische Gruppierung namens "Liste Seestadt" gegründet wurde.

Digitale Blase


Nach einem halben Jahr Laufzeit via Facebook, Twitter und YouTube-Kanal wurde die "Seestadt-Saga" überraschend abgesetzt. In einer Pressekonferenz sprachen die Initiatoren von "Anfeindungen und Beschwerden". Offenbar war diese gezielte Platzierung von Fake-News jedoch Phase zwei des Unternehmens, das nun mit der Uraufführung des Theaterstücks "Digitalis Trojana" abgeschlossen ist. Ein kalkulierter Tabu-Bruch.

Die Bühne des Schauspielhauses wurde nun um 180 Grad gedreht, gespielt wird auf mehreren Etagen, wenige Versatzstücke und Video-Einspielungen machen rasche Szenenwechsel möglich. Das zehnköpfige Ensemble führt hellwach durch die verschlungene Handlung, in der die Bewohner der Seestadt durch das Computersystem Digitalis vermeintlich beschützt, tatsächlich aber überwacht und beherrscht werden. Die digitale Blase erweist sich als Diktatur der "Liste Seestadt" und ihres Anführers Marko Herz. In einem Keller proben Schauspieler Jewgeni Samjatins Roman "Wir", einen Klassiker dystopischer Sci-Fi-Literatur, während sich der Widerstand gegen Digitalis in der Handy-freien Transit-Zone verliert.

Der zweistündige Theaterabend ist ein gewitzter Kommentar, erinnert in den besten Momenten an die Techno-Serie "Black Mirror". Ein großer Wurf.

Theater

Digitalis Trojana

Schauspielhaus, Wh.: bis 7. Juni