"Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." Dieser Satz hat Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden, stammt aber eigentlich von Ödön von Horváth. Er legte diese Sentenz, der die Zerrissenheit des modernen Menschen zwischen Sehnsucht und Sachzwängen so treffend formuliert, Ada in den Mund, der Hauptfigur aus seinem frühen Stück "Zur schönen Aussicht".

Horváth (1901-1938) war nicht nur als Chronist seiner Zeit bekannt, sondern gerade auch für seine pointierte Dialogführung. Bis heute gehört er zu den meist gespielten Dramatikern. Folgerichtig setzt sich nun das Theatermuseum am Lobkowitz-Platz in der Ausstellung "Ich denke ja gar nichts, ich sage es ja nur" mit Ödön von Horváth und dem Theater auseinander.

Die von den Literaturwissenschaftern Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar kuratierte Schau rückt drei seiner wohl bekanntesten Stücke ins Zentrum: "Geschichten aus dem Wiener Wald" (1931), "Kasimir und Karoline" (1932) und "Italienische Nacht" (1931). Jene Stücke begründeten Horváths Ruf als Erneuerer des Volksstücks. Ob ihrer politischen Brisanz sorgten sie bei den Zeitgenossen für Furore - hochgejubelt von den einen, verteufelt von den anderen.

Die Ausstellungsräume gestaltete der Bühnenbildner Peter Karlhuber auffallend theatralisch: Im Foyer schwebt über den Köpfen der Besucher ein großer Ast, bekanntlich wurde der Dichter im Pariser Exil von einem Ast erschlagen. Ein zur Vitrine umgebauter Biertisch zeigt Originaldokumente aus Horváths letzten Tagen. Entlang der "stillen Straße", passiert man die "Trafik" und landet in "Oskars gediegener Fleischhauerei". Der Schauraum zu "Geschichten aus dem Wiener Wald" ist wie eine Fleischerei aus den 1930er Jahren gestaltet, inklusive Schweinskopf und Würsten. Exponate zum bedrohten Mittelstand sind hier zu finden und ein Filmausschnitt aus der berühmten "WienerWald"-Verfilmung mit Helmut Qualtinger.

Nächster Raum, nächstes Stück: Durch die Glastür betritt man die holzvertäfelte Gaststube eines Wirtshauses, umgestürzte Biertische, zerbrochene Bierkrügen sind stumme Zeugen eines Kampfes. Hier geht es um das Stück "Italienische Nacht", in dem sich der Autor kritisch mit der zerstrittenen Linken auseinandersetzte, die den Aufstieg der Rechten erst ermöglichte. Weiter geht’s zum Rummelplatz. Ein überdimensioniertes Karussell stellt den Schauplatz von "Kasimir und Karoline" dar.

Neben zeitgenössischen Ausstellungsobjekten faszinieren hier vor allem die Videoeinspielungen von Aufführungen aus mehreren Jahrzehnten. Von Michael Kehlmanns Sicht aus den 1950er Jahren über Christoph Marthaler in den 1990ern bis hin zu Frank Castorfs aktueller Interpretation werden unterschiedliche Zugänge gezeigt. Erstaunlich, wie leicht sich seine Stücke über die Zeitenläufe hinweg aktualisieren lassen - und die Figuren einen immer wieder berühren. Karoline: "Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich, aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln."