Erregt bei ihrer Ankunft in Algerien einiges Aufsehen: Cecilia Bartoli als Rossinis "L’italiana in Algeri". - © Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus
Erregt bei ihrer Ankunft in Algerien einiges Aufsehen: Cecilia Bartoli als Rossinis "L’italiana in Algeri". - © Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Es ist auch eine hohe Form der Kunst: ein Werk aus dem Jahr 1813 optisch nach 2018 zu verlegen, aber dabei jeglichen tieferen Bezug zur Gegenwart auszusparen. Gioachino Rossinis "L’italiana in Algeri" ist damit heutig, aber absolut unpolitisch. Das Aufeinanderprallen der Kulturen, genauer der christlich-abendländischen und der orientalisch-muslimischen, oder die Debatte um die oft unheilvolle Verknüpfung von Sexualität und Macht - diese Themen scheinen das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier auf einer gesellschaftlichen Ebene herzlich wenig interessiert zu haben.

Genau in diesem bewussten Ausklammern liegt dann aber auch die bestechende Leichtigkeit, die die diesjährige szenische Opernproduktion der Salzburger Pfingstfestspiele auszeichnet.Ort der Handlung ist das Hauptquartier des in mafiösen Strukturen vernetzten Mustafà im Hafen von Algier. Im Hintergrund blitzen neben den Palmen auch gestapelte Container auf. Die Bewohner und Besucher rauchen Wasserpfeife, trinken Tee und schneiden Gemüse für eine traditionelle Tajine. In den Gassen der Bühne von Christian Fenouillat dominieren Satellitenschüsseln, die Herren tragen bodenlange Dschellabas und in den Fenstern baumelt bunte Wäsche. Der Muezzin ruft zum Gebet. Ein Kamel und reichlich Teppiche gibt es natürlich auch. Im Haus des Mustafà werden diverse technische Geräte verschoben, seine Gang trägt knallige Jogginganzüge und raucht auf großzügigen Sofa-Landschaften Wasserpfeife.

Kluge Koketterie

Der Hausherr ist von seiner Gattin gelangweilt, wünscht sich frischen Wind im Schlafzimmer. Den soll eine Italienerin ihm bescheren. Diese Isabella wickelt jedoch alle involvierten Männer mit ihrer Koketterie und Klugheit um den Finger. Am Ende täuscht sie ihren Gegener erfolgreich und reist mit ihrem Geliebten Lindoro, der bei Mustafà als Sklave dienen musste, zurück in die Heimat.

Die Rolle der Isabella passt Cecilia Bartoli wie angegossen. Vokal kann sie ihr ganzes Verzierungsrepertoire ausfahren - von zartem Gurren bis zu üppigen Koloraturen. Auch darstellerisch kommt die Komödiantin in Bartoli auf ihre Kosten und ist die Intendantin der Pfingstfestspiele einmal mehr das vitale und höchst temperamentvolle Zentrum dieser Produktion. Doch es ist bei weitem nicht Cecilia Bartoli alleine, die diese flotte und in vielen Details witzige Produktion trägt. Peter Kálmán ist ein herrlich einfältiger und stimmlich starker Mustafà, der sich im vermeintlichen Liebesrausch ebenso genüsslich wie unwissentlich bloß stellt. Edgardo Rocha ist als Isabellas Geliebter Lindoro das Ideal eines jugendlich draufgängerischen Rossini-Tenors, bei dem Unverwüstlichkeit vor Schmelz kommt. Und Alessandro Corbelli zeigt als Isabellas unglücklicher Verehrer Taddeo sein herrlich komödiantisches Talent. Rebeca Olvera schließlich als geschmähte Ehefrau Mustafàs rundet mit ihrem klaren Sopran das Ensemble ab.

Die beiden Regisseure reizen in der Figurenzeichnung etliche Geschlechter-Klischees aus - Titanic-Schlusspose inklusive. Ihr Witz ist jedoch immer ein feiner, derb wird es nie. Auch mit heutigen Orientbildern spielen sie, ohne einen der Kulturkreise zu denunzieren oder platt vorzuführen. Wirklich gut weg kommen die Algerier aber trotzdem nicht.

Im Sturm erobert

Jean-Christophe Spinosi zieht sich mit seinem Ensemble Matheus allzu sehr auf die Rolle des Begleiters zurück. Sein Rossini ist fein und leicht - mitunter beides ein wenig zu viel. Den Sängern lässt er mit dieser schlanken und doch vitalen Lesart jedenfalls klar den Vortritt, mitzureißen vermag sie jedoch leider kaum.

Eine kurzweilige Produktion voller Spiellust und Lebensfreude, der ein nur scheinbar einfacher Ansatz zu genügen scheint: die Zuseher für ein paar Stunden qualitätvoll und pointiert zu unterhalten. Ein unterhaltsamer Abend der bunten Bilder, zündenden Gags, schnellen Läufe und flirrenden Koloraturen, der jedoch in seinem Nachhall ebenso schnell verblasst, wie er die Premieren-Zuseher am Wochenende im Sturm erobert hat.