• vom 26.05.2018, 13:31 Uhr

Bühne

Update: 26.05.2018, 13:36 Uhr

Theaterkritik

Roboterhund Aibo ratlos




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Von Hans Haider

  • Jisun Kim mit der Performance "Deep Present" bei den Wiener Festwochen.

Roboterhund Aibo ist der Protagonist im Stück "Deep Present" bei den Festwochen.

Roboterhund Aibo ist der Protagonist im Stück "Deep Present" bei den Festwochen.© Festwochen/Euiseok Seong Roboterhund Aibo ist der Protagonist im Stück "Deep Present" bei den Festwochen.© Festwochen/Euiseok Seong

Wien. Totale Finsternis. Dann Licht auf ein Podium, darauf Aibo, der weiße Roboterhund, schon 1999 im Programm von Sony – dribbelnd, sich räkelnd, aufmerksam zuhörend. Mit diesem Auto-Motion-Aibo, das japanische Wort für Partner und ein Akrostichon von Artificial Intelligence roBOt, zog die Künstliche Intelligenz in viele Hörsäle und privilegierte Kinderzimmer ein. Mit einem Rattenschwanz philosophischer Fragen. Kann ein Aibo sterben? Kennt er Gott? Programmiert er sich selber weiter als geplant? Beißt er seinen Herrn? Eine längst um die Welt gehende Fabel wird im Off erzählt. Nick Bostrom, Oxfordprofessor für Bioethik und Technikfolgenabschätzung, hat sie erfunden. Darin schaffen die Spatzen sich ihr Glück, indem sie alle unangenehme Arbeit, wie Nesterbauen und Körndlpicken, den Eulen umhängen. Die sichern ihnen zwar in einem "Pavillon des Unbegrenzten Korns" ewigen Überfluss. Doch, so Bostroms Zeigefinger: "Alles, was auf Erden Bequemlichkeit bringt, geht mit Unbehagen einher. Die Kehrseite der Medaille."

Jisun Kim bringt aus Südkorea, wo Samsung und LG zuhause sind, ihre akustisch-mechanischen Thesen-Performance "Deep Present" zu den Festwochen ins Museumsquartier. Darin prallen Kritik am militärisch-technischen Komplex der USA, Technikidolatrie, Zukunftsskepsis und Superintelligenz mit buddhistischem Erfahrungswissen ("Tathata") zusammen. Aibo ratlos zwischen zwei Wirklichkeiten. Die Statue eines Mönchs steht auf der Bühne neben einer wie ein Heiligtum von einem Prunkrahmen gehaltenen Computertastatur – einen elektrischen Journalisten mit Namen "Libidoll" (Libido + Doll=Puppe). Er zählt die Sünden, nennt auch Namen im globalen Outsourcing, mit dem die kapitalistische Gesellschaft alles Unangenehme, den Krieg bis zum Müll, in die arme Hälfte der Welt verlagert.

Information

Deep Present
Von Jisun Kim
Wiener Festwochen
Museumsquartier, Halle G
www.festwochen.at
Wh.: 26., 27. Mai


Das Outsourcing geht noch viel weiter: von der menschlichen zur künstlichen Intelligenz. Libidoll sagt: "Das Zentrum für die 4. Industrielle Revolution wurde vom Weltwirtschaftsforum gegründet. Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook, IBM und MS arbeiten dort an einem Ethikkodex für künstliche Intelligenz. Die vierte Industrielle Revolution steht bevor." Jisun Kim warnt im Interview, nicht als erste: "Der menschliche Verstand, der ursprünglich von allen möglichen Fragen der Moral und Rechtfertigung gequält wurde, wird radikal vereinfacht."

Noch winkt Trost. Aibo lauscht unter einem blühenden Kirschenbaum der Unterweisung des Mönchs. "Ein Kirschblütenblatt, das auf dich herabfällt, das Mondlicht auf einem Glas Wein: Das ist göttliche Gnade." Sony nahm Aibo 2006 aus dem Programm. "Deep Present" ist auch ein zarter Nachruf auf den elektrischen Flocki. Aibo bringt die Zuschauer schlussendlich in Verlegenheit: Sollen sie ihm applaudieren wie einem Schauspieler? Nur darum ein magerer Beifall.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-26 13:33:14
Letzte Änderung am 2018-05-26 13:36:22


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