Schuld und Sühne: Burghart Klaußner und Maria Happel. - © R. Werner
Schuld und Sühne: Burghart Klaußner und Maria Happel. - © R. Werner

"Dies ist ein böses Stück", so Friedrich Dürrenmatt einst über seinen Klassiker "Der Besuch der alten Dame". Der Schweizer Schriftsteller (1921-1990) hatte dem "bösen Stück" viel zu verdanken: Die Uraufführung 1956 schlug kometenhaft ein, bis heute wird es auf vielen Bühnen gespielt. Dürrenmatts restliche Dramen, rund 30 an der Zahl, sind, vielleicht mit Ausnahme von "Die Physiker", weitgehend in Vergessenheit geraten, auch wenn Dürrenmatt selbst seiner von ihm so bezeichneten "Evergreens" noch zu Lebzeiten überdrüssig wurde.

Nun gastiert "Der Besuch der alten Dame" als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen am Wiener Burgtheater. In exquisiter Besetzung: Maria Happel in der Titelrolle; an ihrer Seite der als Filmschauspieler bekannte Burghart Klaußner; Regie führt Frank Hoffmann, der scheidende Recklinghausen-Intendant. Das Ergebnis, so viel vorweg, ist dennoch erstaunlich dürftig.

Am Stück selbst liegt es nicht. "Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat", notierte Dürrenmatt - und liefert im "Besuch", dieser grandiosen Parabel über die grenzenlose Macht des Geldes, das beste Beispiel für seine These: Eine Milliardärin kehrt nach langer Abwesenheit zurück in ihre Heimatgemeinde mit dem sprechenden Namen Güllen; sie macht der völlig verarmten Kommune bekanntlich ein unmoralisches Angebot: eine Milliarde für das Leben eines Mitbürgers. Sie fordert den Kopf von Alfred Ill, der sie als 17-Jährige geschwängert und verraten hatte.

Dürrenmatt entfacht daraufhin ein abgründiges Kammerspiel, in dem sich ein ganzes Dorf dreht und windet - und es sukzessive zu einer, so Dürrenmatt-Biograf Peter Rüedi, "Demokratisierung des Bösen" kommt.

Pathos und Komik

Mit lautem Getöse, Quietschen und Krachen startet die zweistündige Aufführung am Burgtheater. Die weitläufige Bühne ist nachtschwarz gehalten, ein Lichtkegel fällt auf eine mondäne Erscheinung: Auftritt Maria Happel als Claire Zachanassian mit turmhohem Hut, karottenroter Langhaarperücke, elegantem Kleid. Vor dieser Grande Dame buckeln die Güllener, angeführt vom herrlich komischen Roland Koch als Bürgermeister; die Dörfler machen sich zu Affen - sie vollführen halbnackt Liegestütze, singen Heimatlieder. Das Bühnenbild von Ben Willikens lässt das Dorf wie ein Gefängnis erscheinen; René Nuss legt ein Sounddesign vor, das an neuralgischen Punkten laut zu wummern und zu scheppern anhebt. Mit hoher Künstlichkeit wird versucht, Spannung zu erzeugen, die sich aus dem Text ohnehin ergeben würde, wenn man diesen denn ernst nähme. So pendelt die Aufführung unentschlossen zwischen Pathos und Komik - und trifft im überzuckerten Spiel selten einen packenden Ton.

Gegen Ende versucht der Chor, die Tat zu rechtfertigen: "Nichts ist ungeheurer als die Armut." Von jenem Ungeheuer war an diesem Abend keine Spur zu sehen.