• vom 01.06.2018, 16:34 Uhr

Bühne


Festwochen

Im zähen Fluss der Zeit




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Von Verena Franke

  • Die französisch-österreichische Künstlerin Gisele Vienne zeigt in "Crowd", wie sehr Zeitlupe die Qualität des Sehens beeinflusst.

Raven wie in den 1990ern - aber in Slowmotion.

Raven wie in den 1990ern - aber in Slowmotion.© Estelle Hanania Raven wie in den 1990ern - aber in Slowmotion.© Estelle Hanania

Zeit ist so viel mehr als die lineare Wahrnehmung im Alltagsgeschehen. Der Lauf der Minuten, Stunden, Tage wird oft nicht bewusst empfunden, zu sehr vereinnahmt das Leben. Und die Zeit rauscht unbemerkt. Da braucht es ein klares Stopp. So wie Gisele Vienne mit "Crowd", das zurzeit bei den Wiener Festwochen in den Gösserhallen zu sehen ist. Die Performance der französisch-österreichischen Regisseurin, Choreografin und bildenden Künstlerin spielt mit den Darstellungsmöglichkeiten von Zeit.

Dafür schickt Vienne 15 Performer auf die Bühne, die mit feuchter Erde und Müll der vermutlich vorhergegangenen Party bedeckt ist. Technobeats (ausgewählte Musik von Peter Rehberg), ohrenbetäubend laut, begleiten eine Performerin, die in Zeitlupe den Bühnenraum betritt und voranschreitet. In gelber Kapuzenjacke setzt sie in Slowmotion einen Fuß nach dem anderen, bewegt langsam den Arm mit der Bierdose. Man wartet schier darauf, dass sie gewollt oder vielleicht ungewollt diese Zeitlupe durchbricht. Erfolglos. Dieser kurze Weg von normalerweise wenigen Sekunden zieht sich minutenlang und schärft - trotz Ablenkung durch die trommelfellmordenden Beats - das Sehen. Details werden nun bewusst wahrgenommen. Die weiteren Performer folgen ihr, bis alle eine Zeitlupen-Rave-Party im Stil der 90er Jahre feiern. Es waren damals ekstatisch durchtanzte Nächte, die mit elektronischer Musik in eigens dafür präparierten Locations, wie eben Lagerhallen, einmalig stattfanden.


Manipulierter Fokus
Vienne inszeniert immer wieder optische Schwerpunkte, vor allem mit Licht und gegen Ende auch mit Nebel, um den Fokus der Zuschauer zu lenken. Sonst bestünde die Gefahr, sich in den vielen Bildern dieser Szene nach und nach zu verlieren. Dann schwillt das Wummern der Beats weiter an, die Tribüne und der Herzschlag scheinen zu vibrieren unter dem enormen Dröhnen, die Performer tanzen nun in Echtzeit mit Stoppern nach ungefähr drei Counts beziehungsweise Sekunden. Die zuvor unheilbringende Atmosphäre von Musik und Slowmotion wechselt nun in pure Aggressivität, schon stänkern sich zwei Performer an. Chips fliegen herum, Bier und Saft werden schwungvoll vergossen, die Erde klebt an den Performern. Nach rund 105 Minuten ist die Party abgetanzt, das Publikum ebenso erschöpft und verschwitzt - wie nach einem echten Rave eben.

Es ist beruhigend zu sehen, dass auch Vienne Grenzen bezüglich der Zeitkontrolle gesetzt sind: Etwa die Asche einer Zigarette fliegt nun einmal in Echtzeit zu Boden. Trotz einiger Längen: "Get The Party Started!"

Performance

Crowd

Von Gisele Vienne (Konzept, Choreografie, Bühne)

Peter Rehberg (Mix, Edits, Playlist)

Wiener Festwochen/Gösserhallen

Wh. am 2. Juni




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Dokument erstellt am 2018-06-01 16:40:08


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