• vom 04.06.2018, 16:24 Uhr

Bühne

Update: 04.06.2018, 16:35 Uhr

Berlin

Partisanenkampf




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Von Petra Paterno

  • Chris Dercons Versagen als Intendant der Berliner Volksbühne ist wie ein Lehrstück zur Kultur- und Stadtpolitik.



Tschüss, Chris! Und wie geht’s weiter?

Tschüss, Chris! Und wie geht’s weiter?© Kietzmann/Action Press/picturedesk.com Tschüss, Chris! Und wie geht’s weiter?© Kietzmann/Action Press/picturedesk.com

Wer meint, Theater sei ein antiquiertes Medium, bestenfalls Refugium des Bildungsbürgertums, wurde in Berlin eines Besseren belehrt. Rund um die Volksbühne entbrannte ein drei Jahre lang währender Kulturkampf, bei dem die Bühne zu einer Metapher für den Zustand der Stadt wurde. Theaterbelange wuchsen sich zu Fragen der Stadtpolitik aus, anhand von Castorf versus Dercon, den beiden Volksbühne-Intendanten, wurde nicht nur die Zukunft einer Bühne, sondern auch die Perspektive einer ganzen Stadt verhandelt.

Chris Dercon, Jahrgang 1958, Museumsmanager aus Belgien, wurde im April 2015 zum Nachfolger von Frank Castorf ernannt. Von Anfang an war nicht ganz klar, wofür Dercon eigentlich steht. Es sollte irgendetwas Neues her - interdisziplinär, performativ, kosmopolitisch, so die wolkigen Schlagworte. In einem Interview sagte Dercon, er wolle aus der Volksbühne "das Globe Theatre des 21. Jahrhunderts" formen. Nur war die Volksbühne unter Castorfs 25-jähriger Ägide längst die berühmteste Bühne Deutschlands.

Arm, aber sexy

In den 1990er Jahren etablierte sich der graue Theatertanker als Labor und Tempel für zeitgemäßes Bühnenschaffen. Zu ihren besten Zeiten entfaltete die Volksbühne eine Strahlkraft, die das übrige Theater alt aussehen ließ. Marthaler, Schlingensief, Pollesch liefen hier zu Höchstform auf - Castorf blieb aber der Zampano, seine Regiearbeiten, die Exzess und Überforderung zum Programm erheben, waren das Zentrum des Programms. "Theater ist für mich die letzte Widerstandsinsel gegen die Unterhaltungswut", sagte Castorf einmal über sein Metier. "Theater ist der letzte Partisan."

Dagegen verkörperte Dercon nicht nur einen Intendantenwechsel, sondern eine komplett andere Geisteshaltung. Wahlweise wurde er als "neoliberaler Profiteur" beschimpft oder als "progressiver Erneuerer" bejubelt. Das viel gerühmte Volksbühnen-Ensemble löste er mit einem Handstreich auf - dafür wurde er von den einen geächtet, von den anderen gefeiert. War hier jemand, der aus einem gut funktionierenden Theaterhaus eine "Eventbude" machen wollte? Oder kam hier vielmehr jemand zum Zug, der prozesshaft und projektbezogen an die Sache herangeht, befreit von festgefahrenen Strukturen? Die Debatte verlief anhand unversöhnlicher Positionen. Die Kulturmetropole Berlin weist bei 3,6 Millionen Einwohner nur mehr fünf Sprechtheater-Ensembles auf, das viel kleinere Wien hat mehr feste Ensembles.

"Berlin ist arm, aber sexy", dieser Ausspruch des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit wurde in den Nullerjahren zum Slogan der einst geteilten Stadt, in der die Konflikte der deutsch-deutschen Wiedervereinigung besonders deutlich spürbar waren. Frank Castorf segelte lange erfolgreich entlang dieser Kampfzonen, sein Theater erinnerte an die wilden Zeiten nach dem Mauerfall, als einen historischen Moment lang alles möglich schien.




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Dokument erstellt am 2018-06-04 15:52:15
Letzte Änderung am 2018-06-04 16:35:30


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