"Eine Art Oper" verhandelt die Genregrenzen neu. - © Marton Kovacs
"Eine Art Oper" verhandelt die Genregrenzen neu. - © Marton Kovacs

Opulenz und Memento Mori? Sehr opernhaft. Selfie-Stick und Regelblutung? Eher nicht. Eigentlich - denn in diesem Spannungsfeld steht die ungarische Tabu-Kollektion (ungarisch: Tabu Kollekció) von Musikerin Dóra Halas und Kostümbildnerin Fruzsina Nagy, die am Sonntag die Musiktheatertage in Wien eröffnete.

Den Namen darf man hier durchaus wörtlich nehmen: Es ist eine Catwalk-Oper, die in strammem Schritt und chorisch-sakralem Brausen die Bilder genauso schnell wechselt wie die 24 singenden Models der Gruppe Soharóza ihre Kostüme. Und die sind beeindruckend: Nagy verknüpft aufwendige Outfits mit Projektionen, Prints oder LED-Leuchten. Aber eine Oper am Laufsteg, funktioniert das? Erstaunlicherweise ja. Also zumindest, wenn man den Untertitel der diesjährigen Musiktheatertage: "Eine Art Oper" im Hinterkopf behält. Denn hier werden die Genre-Grenzen definitiv neu verhandelt: Choräle verschneiden sich mit Liedhaftem, immer wieder unterlegt mit elektronischen Klängen. Thematisch ringen Tod und Leben, Körper und Verstümmelung um die absolute Groteske.

Da passen Selfie-Stick und Menstruation ganz gut dazu: Zu Beginn brutzelt ein Blitz jemanden über den Selbstporträt-Stecken zum LED-Skelett und läutet damit ein Medley über skurrile Todesarten ein. Dazwischen musikalisch interpretierte Arztbefunde oder tanzende Kinderzeichnungen, die von brutalen Massakern singen.

Es sind also ästhetizierte Tabuthemen aus allen Registern, die da in performativen Häppchen serviert werden und auf das Kommende einstimmen. "Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man singen" ist das Motto, unter das künstlerischer Leiter und Kurator Thomas Desi das Festival der neuen Musikdramatik heuer stellt. Der Auftakt verspricht
Tabubrüche, Grenzverschiebungen und Vielfalt jedenfalls glaubwürdig.