• vom 11.06.2018, 16:34 Uhr

Bühne

Update: 11.06.2018, 16:42 Uhr

Musiktheater-Kritik

Eine Winterreise oder: Alles für die Katz’




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    (irr) Um mit einer Ehrenrettung zu beginnen: Hans Zender hat die "Winterreise" mit seiner Orchesterfassung (1993) nicht verhunzt. Die Verzweiflung, die den Wanderer antreibt, bricht hier zwar manchmal schrill aus. Meist schwelt sie aber auch bei Zender in einem romantischen Klangbild - eine subtile Schubert-Hommage.

    Zu anderen Schlüssen kam, wer diese "Winterreise" nun bei den Festwochen erlebte, in einem Gastspiel des ungarischen Proton Theatre. Kompliment: Ein so tiefer Griff in den Orkus ist schon wieder eine Kunst. Nicht nur, dass die Musiker in der tückischen Akustik eines Fabriksraums ("Gösserhallen") werkten. Nicht nur, dass Sänger János Szemenyei den Liederzyklus mit Mikrofon abwickelte und dem Sound mit sporadischem Gebrüll den Todesstoß versetzte; nicht nur, dass das Danubia Orchestra Óbuda (wohl absichtlich) mitunter klang wie ein eiernder Plattenspieler.

    Information

    Musiktheater
    Winterreise
    Wiener Festwochen/Gösserhallen

    Theatralisch daneben

    Das alles sind Lappalien, verglichen mit der theatralischen Zusatz-Idee des Abends. Sie bestand darin, die "Winterreise" als Sinnbild für die Flüchtlingskrise einzusetzen. Der Marsch von Millionen Migranten in eine vermeintlich bessere Welt: Er soll allen Ernstes etwas zu tun haben mit Schuberts liebeskrankem Wanderer, der in Richtung Freitod geht. Ein Humbug, an dem auch Bühnenbeiwerk wie eine Kloschüssel, eine gehäutete Couch und eine ausgestopfte Katze (?) nichts ändern, und auch nicht die Flüchtlingsgesichter, die stumm klagend von der Leinwand blicken. Solcher Nonsens lässt sich nicht steigern. Sollte man es dennoch versuchen wollen: Bitte nächstes Jahr einen Abend zum Thema Erderwärmung, mit "Eternal Flame" im Hintergrund.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-11 16:40:22
    Letzte Änderung am 2018-06-11 16:42:39


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