Hier werden Bären hinterhältig angefixt. - © Anja Beutler
Hier werden Bären hinterhältig angefixt. - © Anja Beutler

Man macht sich ja so selten darüber Gedanken, unter welchen Bedingungen etwas produziert wird. Posaunen zum Beispiel. Das weiß man normal gar nicht, aber: Da gibt es einen fiesen Sweatshop, in dem Bären Sklavenarbeit verrichten. Mit einem Topf Honig werden sie an der Kandare gehalten: Wenn sie Honig wollen, müssen sie - als willenlose Junkies - eben am Fließband arbeiten. Es gibt keine "natürliche" Möglichkeit mehr, an Honig zu kommen, denn der Wald und seine Bäume sind lange weg. Genauer gesagt seit dem Puppen-Musical "The Season", dessen Fortsetzung "The 2nd Season" am Wochenende bei den Festwochen gezeigt wurde.

Im abgeholzten Wald lebt nur mehr der Biber, der im Anzug als Master of Ceremonies eine flotte Eröffnungsnummer hinlegt. Sein Begleit-Chor sind die Baumstümpfe. Die Ente und die Kröte sind auch noch da, die Ente trägt ein schickes Röckchen und hat eine Liebelei mit der Kröte: "Eine Inter-Spezies-Affäre - sehr 2018."

Väter und Töchter

So etwas hatten im Vorgängermusical auch der mittlerweile ausgewanderte und in der Posaunenfabrik eingekerkerte Bär und eine rotplüschige Dame namens Tina. Die ist so speziesspeziell, sie ist sogar eine Außerirdische. Dieser Verbindung entsprang Tammy, das weiß aber erstmal nur der Biber, den die kleine Rotplüschige im Alice-im-Wunderland-Kleid bittet, sie zu ihrem Vater zu bringen.

Tammy schleicht sich in die Fabrik ein, in der ihr Vater depressiv vor sich hin rurchelt. Die Kraft der Liebe zwischen Vater und Tochter erweicht das Herz des Posaunen-Oligarchen, der sich nach seiner verlorenen Tochter sehnt. Dazwischen gibt es Balletteinlagen und es wundert auch keinen, dass der Biber Stepptanz kann.

"The 2nd Season" ist dem kanadischen Rapper und Pianisten Socalled zu verdanken. Das Orchester spielt unter seiner Leitung über den Puppenspielern, die trotz ihrer Sichtbarkeit ihren Puppen enorme Präsenz verleihen - Tammy etwa hat so exzellente Schlagergesten im Repertoire, sie würde den Song Contest ohne Zweifel gewinnen. Apropos Präsenz: Musikalischer Angelpunkt der Vorstellung ist Funkposaunist Fred Wesley, der schon mit James Brown gespielt hat, und der den Rhythmen feine Facetten von stiller Einsamkeit bis donnernder Lebensbejahung verleiht. Ein Stück, das in seiner unbeschwerten, unerschrockenen Umwelt- und Kapitalismuskritik Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeisterte - ein so unerwartetes wie einsames Highlight der Wiener Festwochen.