• vom 15.06.2018, 13:00 Uhr

Bühne

Update: 15.06.2018, 13:16 Uhr

Festwochen-Bilanz

Besser scheitern




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Öhrn gastierte übrigens bereits 2012 in Wien; damals nahm der Schwede den Fall Fritzl zum Ausgangspunkt seines Theaters der Grausamkeit; mit "Häusliche Gewalt" führte er seine Sondierungen zwischenmenschlicher Abgründe fort.

Mit Kurt Hentschlägers "Feed.X", einem bildmächtigen Angriff auf die Netzhaut, und Hotel Moderns beklemmender Auschwitz-Installation "Kamp" brachten die Festwochen heuer zwei wichtige Arbeiten nach Wien, die jedoch schon etwas Staub angesetzt haben: "Feed.X" stammt aus 2005, auch "Kamp" tourt seit Jahren erfolgreich durch die Lande. Nach den Vorjahres-Flops wollte man verständlicherweise auf Nummer sicher gehen. Mehr Risikofreude bewiesen die Festwochen im Fall Gisèle Vienne. Wer wagt, gewinnt: Mit "Crowd" gelang der französisch-österreichischen Choreografin ein gelungenes Wien-Debüt; angeblich werden die Festwochen auch im kommenden Jahr mit Vienne zusammenarbeiten. Boris Charmatz, der Veteran neuer Tanzformen, zeigte mit "10000 gestes" einen ebenfalls überzeugenden Abend.

Leere Weltbühne
Und das Herzstück der Festwochen? Das Theater? Mit Susanne Kennedys "Selbstmord-Schwestern", Ersan Mondtags "Orestie" und Christoph Marthalers "Tiefer Schweb" wurden im Unterschied zum Vorjahr zumindest einige markante Positionen des deutschen Stadttheaters eingeladen. Dennoch fragt man sich, weshalb es erstklassige Theaterkräfte wie Ulrich Rasche und Karin Henkel nicht bis nach Wien schaffen, bei den Salzburger Festspielen jedoch prominent mitmischen. Das Salzburger Elite-Festival, bei dem das Schauspiel traditionell Stiefkind ist, scheint neuerdings die Nase vorn zu haben, wenn es um Kooperationen mit deutschen Stadttheatern geht.

Die Festwochen verstehen sich aber mehr noch als Welttheaterforum. Wie war es also um die internationalen Gastspiele bestellt? Relevante Begegnungen mit dem globalisierten Theater fanden heuer kaum statt; Produktionen internationaler Künstler (wie "The Song of Roland", "Stadium", "La Plaza" und "The Walking Forest") blieben deutlich unter den Erwartungen. Vom Musiktheater gar nicht zu reden, das 2018 nahezu vollkommen im Abseits stand.

Die erhoffte Neupositionierung der Festwochen ist Tomas Zierhofer-Kin im zweiten Durchgang als Intendant nur teils geglückt. Aber reicht das bereits aus? Schlag nach bei Beckett: "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-06-14 16:49:41
Letzte Änderung am 2018-06-15 13:16:10



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