Unendlich ist die Zahl ausdrücklicher, eindringlicher Gesten im freien Tanz. Boris Charmatz und seine Musée de la danse beschränken sich auf "10000 gestes". Was meint: Wir wollen möglichst viel aus der Enzyklopädie der Körperkunst zeigen. Und hoffen, dass die Explosion der Quantität neue Qualität schaffe.

23 Tänzerinnen und Tänzer nehmen das glatte Geviert in der großen Gösserhalle für 55 Minuten in Besitz. So lange dauert Mozarts "Requiem" aus den Boxen: Schwellenmusik zwischen Tod und Leben, mehr im Himmel als in der Hölle, auch wenn nach dem Kyrie ein "Dies irae" Sünder schreckt. Mozarts Absterbens-Amen-Musik lenkt augenblickslang das Hirn auf Bizarrerien aus den Lustgarten- und Weltendbildern von Hieronymus Bosch. Charmatz ist diesmal kein Erzähler, sondern ein Arrangeur, der wie Bosch keine Geste wiederholen will. Frosch und Hase hüpfen, eine etwas Mollige deutet die Mühen der Hausarbeit an, eine ebensolche die Gunst des Gewerbes. Makellos dagegen Heroenposen à la grecque.

Die Kostüme der Damen erinnern an Grand Guignol. Widerstand gegen den Tod auf säkulare Weise, wie auch - ein Gruß an den Kitsch - ein über den Boden rollendes Liebespaar? Im schier endlosen Durcheinanderlaufen prallen Zu- und Abneigungen, Ekstasen und Blockaden aufeinander. Aus einer fulminanten Verknäuelung, wie von Schlangen im Terrarium oder Fußballern nach einem Goal, löst sich die Truppe mit einem Tastlauf durch die Zuschauertribüne. Kein beglückender Export von Körperfeeling! Doch die elegante Hektik in den scheinbar planlosen Tutti-Szenen macht alles wieder gut.