Eine Frau und ein Mann rezitieren sinnentleerte Verse, während sie Körperteile zu Kleidungsstücken erklären und Wortspiele in anzügliche Handlungen übersetzen: Willkommen bei "Ficus", einem Abend der Neuen Oper Wien, der im Werk X zu erleben ist. Genau genommen befinden wir uns in dessen erster Hälfte mit dem Titel "Der Ficus spricht", für den sich Gerhard Schedl und Franzobel zu einem absurden Einakter zusammengefunden haben. Zwar sind dem Sänger und der Sängerin Rollen zugeordnet - Dieter Kschwendt-Michel verkörpert das titelgebende Gewächs, verwandelt sich jedoch im Laufe des Geschehens in "A", während aus dem Blumenmädchen (Laura Schneiderhan) irgendwann "B" wird. Franzobels Verse und die Inszenierung von Leonard Prinsloo scheinen die Figuren in einen infantilen Zustand irgendwo zwischen analer und genitaler Phase zurückzuversetzen. Daneben spielt das Amadeus-Ensemble Wien (Leitung: Walter Kobéra) eine Musik, die den Walzertakt nicht loswird, dabei aber gar nicht erst versucht, das Geschehen zu begleiten, sondern ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Von den Sängern scheint nur einer richtig singen zu können ("so richtig garstig schön", wie "B" bemerkt): der "Volkssänger" (Wolfgang Resch), dessen selbstgefällige Gemütlichkeit den inszenierten Zerfall des Operngenres eher verstärkt, als ihn aufzuhalten.

So richtig in Fahrt kommt die Zertrümmerung des Genres erst, als sich aus dem Publikum plötzlich eine Tirade auf die Mitwirkenden ergießt, ein Rundumschlag gegen den gesamten Kulturbetrieb. Nun ist das Aufbrechen der Guckkasten-Bühne vom Publikum aus ein alter Hut und der freizügige Umgang mit Kraftausdrücken spätestens seit Werner Schwab zur Dignität des Klassischen erhoben.

Allerdings kann man sich Alexander Kaimbachers brachialer Tour de Force unmöglich entziehen. Der Tenor verkörpert einen von drei Regisseuren, die in "Radames" von Peter Eötvös auf einen Sänger losgelassen werden. Wegen Budgetkürzungen muss ausgerechnet der unkündbare Counter (Tim Severloh) alle Rollen in der "Aida" übernehmen, das Orchester ist auf drei Bläser und eine Korrepetitorin geschrumpft. Es ist bemerkenswert, dass Eötvös diese Satire auf den Effizienzwahn schon 1975 komponiert hat. Saxofon, Horn, Tuba und E-Piano warten mit Rudimenten aus dem Opernrepertoire auf, die den Bemühungen des gepeinigten Sängers eine weitere tragikomische Dimension hinzufügen. Letzterer, dessen androgynes Kostüm (Ausstattung: Su. Pitzek) seine Mehrfachbelastung auch in puncto Geschlechtsidentität betont, hat fürwahr nichts zu lachen: Während ihn der Filmregisseur mit gebellten Kommandos zu schmerzhaften Körperverrenkungen zwingt und ihm die Opernregisseurin unangenehm zu Leibe rückt, ergeht sich der Theaterregisseur in pseudophilosophischen Ergüssen ohne Realitätsbezug. Am Schluss der Sterbeszene liegt der Darsteller stranguliert am Boden - und die Oper in Trümmern. Ein durchaus amüsanter Tod.