Wien. Erste synchrone europäische Zentralmatura im Neigungsfach Bühnenspiel! Erstes Thema: "Chekhov – Fast & Furious". Nur Pädagogen kann diese Melange von stilvollem Stillstand in russischen Landadelshäusern und der Superaction nach der Peitsche von Rob Cohen im Film einfallen. Was in Amiens, Maubeuge und Reykjavik drei Klassen mit je zwölf Youngsters erarbeitet haben, wird auf Video zugeschaltet, während sich die Wiener Gruppe im Museumsquartier live dem Festwochenpublikum präsentiert. Durchsetzt mit Anverwandten und Freunden, spielt es Maturakommission. Keinem, keiner der zwölf Mutigen droht eine Wiederholungsprüfung im Herbst. Schon gar nicht dem Mädchen im Rollstuhl und dem wohlintegrierten Austro-Afrikaner.

"Superamas" nennen sich die polyglotten Entwicklungshelfer vieler Festivals und Experimentiertheater, in Amiens zuhause und auch ein österreichischer Verein. Drei von ihnen, mit Pelzmützen auf dem Kopf, räsonieren über versäumtes Leben nach Texten der gelangweilten und ratlosen Herren in Tschechows "Onkel Wanja". Für die spielfreudige Jugend sollen es Reizwörter sein, über eigene Glücksdefizite nachzudenken. Wie herauskommen aus Traurigkeit, Überdruss, Liebeskummer? Ein Franzose zeigt es auf der Videowall vor: als Rapper. Die Lebensbeichten aus der Wiener Selbsterfahrungsgruppe wirken nachgestylt. Das ist wohlgetan, denn es gibt auch Intimitätsgrenzen bei der Ausbeutung Juveniler, die sich nach nichts mehr sehnen als auf einer Musicalbühne zu stehen. Hierfür zeigen die meisten Talent. Bühnenreif ihre Disco- und Barschleichernummern, doch eher ihr Englisch als ihr Deutsch. Ein junger Herr zieht sich bar jedes Stichworts pudelnackt aus und rasch ebenso unaufgefordert wieder an. Will er auf eine Besetzungscouch?

Die "Superamas" bewegen sich virtuos in den Hinterzimmern europäischer Subventionspolitik. Was zahlt die nicht alles, um "Theater zu den Menschen zu bringen" – und die "Superamas" versprechen das und zeigen, wie man’s macht. Bereitwillig verraten sie ihren Trick, wie sie eine große Festwochenhalle füllen mit einer Schülervorstellung. Tschechow heißt der Haken. Viele Wiener beißen gerne an, weil sie meinen, endlich kommt nun am letzten Tag der Festwochen das große Theater, das sie heuer vermissten. Dann ist die Schul’ aus und sie gehn enttäuscht nach Haus.