• vom 23.06.2018, 08:00 Uhr

Bühne


Interview

"Heute regiert das Selfie"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno

  • Hubsi Kramar wird am 27. Juni 70 Jahre alt. Der Aktivist und Schauspieler über Sex, Selfies und Adolf Hitler.

"Theater ist ein Zufluchtsort für Menschen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen", sagt Hubsi Kramar.

"Theater ist ein Zufluchtsort für Menschen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen", sagt Hubsi Kramar.© apa "Theater ist ein Zufluchtsort für Menschen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen", sagt Hubsi Kramar.© apa

Hubsi Kramar ist der große Außenseiter der Wiener Theaterlandschaft. In der freien Szene ragt er durch seine vielfachen Theatergründungen und Initiativen geradezu monumental hervor. Bekannt ist er für seine Film- und Fernsehauftritte (etwa als "Tatort"-Oberkommissar Ernst Rauter), berühmt-berüchtigt für seinen Aktionismus.

Im Jahr 2000 besuchte er als Adolf Hitler kostümiert den Opernball, seine Protestaktion gegen Schwarz-Blau wurde von der Polizei beendet - Kramar wurde medienwirksam entfernt. Kunst und Politik sind für ihn untrennbar, so kandidierte der Theatermacher bei der Europawahl 2004 für die Linke Liste. 2009 war ihm internationale Aufmerksamkeit sicher, als er den Fall Fritzl in einer satirischen Medien-Soap namens "Pension F" verarbeitete. Sein Aktionismus brachte ihm auch einige Gerichtsverfahren ein. Am 27. Juni feiert der streitbare Künstler nun seinen 70. Geburtstag. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er über die Welt von gestern und was wir dem Holocaust verdanken.

Information

Dance me to the end of love
Die Hubsi Kramar/Leonard Cohen Gala
Theater Rabenhof
Wiederaufnahme ab 12. Nov. 2018
www.rabenhoftheater.com

"Wiener Zeitung":2018 ist das Jahr der Jubiläen, auch für Sie persönlich, Sie feiern Ihren 70. Geburtstag. Vielfach wird heuer auch an die 68er gedacht. Wie fällt Ihre Bilanz der Protestbewegung aus?

Hubsi Kramar: Ich bin ein Kind der 68er. Diese anarchische Reaktion auf eine reaktionäre Zeit, die hierzulande noch stark vom Faschismus geprägt war, das habe ich voll gelebt. In der bürgerlichen Gesellschaft gibt es keine Wahrheit, weil alles auf Anpassung ausgerichtet ist. Ich habe schon als Kind aufbegehrt, bin immer angeeckt. Im Grunde hatte ich ein Riesenglück, in der Nachkriegszeit aufzuwachsen, hineinzugeraten in die Aufbruchstimmung, das Gefühl von Freiheit, Sex, Drugs, Rock’n’Roll - das war meins. 68 war ich in Paris, habe als ganz junger Landbursch in den Straßen Zeitungen verkauft. 1969 habe ich maturiert, und mir dann erst einmal die Welt angeschaut. Wenn ich so aus meinem Leben erzähle, komme ich mir fast vor wie Stefan Zweig in "Die Welt von gestern", auch diese Welt, von der ich berichte, ist untergegangen, erscheint mir manchmal genauso weit entfernt wie die römische Antike.

Können Sie das konkretisieren?

Wir waren damals erfüllt von dem Gedanken der Solidarität, es gab einen starken Gemeinschaftssinn. Wo ist der bitte geblieben? Heute regiert das Selfie.

Wie war das Wiener Theater um 68?

Da ist viel in Bewegung geraten. Ich denke da an Theatermacher, die heute gar nicht mehr leben - wie Hans Gratzer und Dieter Haspel. Dann das dramatische Zentrum, das es auch nicht mehr gibt, an dem man andere Bühnentechniken kennenlernen konnte, als am Reinhardt-Seminar gelehrt wurden. Ich war viel unterwegs, war bei Jerzy Grotowski in Polen, Jérôme Savary in Paris, La Mama in New York. Wir waren damals ja auch alle Artaud-Fans.

Warum eigentlich?

Seine Unbedingtheit, seine Radikalität, das hat uns fasziniert. Mir wurde ja oft vorgeworfen, dass ich mich pubertär verhalte. Was ist so schlecht daran? Es ist die Haltung der Jugend, die mit radikalem Gestus die Wahrheit einfordert. Du glaubst an nichts, probierst alles aus. Freiheit pur. Überhaupt verdanken wir in Mitteleuropa Freiheit und Friede dem Holocaust. Da sind alle aufgewacht. Das sollte nie mehr passieren. Das empfinde ich nach wie vor als Auftrag.

Gehört dazu auch, dass Sie mehrmals Adolf Hitler verkörpert haben?

Was mich an der Rolle interessiert, ist die Frage: Wer ist der Hitler in mir? In meiner Kindheit und Jugend war die Gesellschaft noch imprägniert von der Nazi-Zeit. Wenn man ihn spielt, versteht man ihn viel mehr.

Was haben Sie dabei verstanden?

Hitler ist ein Neurotiker, jeder von uns hat neurotische Anteile in sich, auch der Ton, die Sprachmelodie, das hatte ich irgendwie intus. Hitler ist übrigens leichter zu spielen als jemand wie Franz Fuchs.

Wieso das denn?

Fuchs ist Psychotiker, das ist ein völlig anderer Wahnsinn, das ist schwer darzustellen. Solche Rollen streift man nicht leicht ab, die nimmt man mit ins Bett.

Was sagen Sie zum gegenwärtigen Rechtsruck in der Gesellschaft?

Wir befinden uns in einer durch und durch kapitalistischen Phase, die Medien verteidigen das noch. Die bürgerlichen Kräfte arbeiten mit den Rechten zusammen und suchen darin den Schutz ihres Kapitals, die Rechten sind so korrupt, dass sie alles schlucken. Das ist erschütternd.

Welche Rolle kann Theater da einnehmen?

Das Großartige am Theater, an der Kunst überhaupt: Sie gedeiht überall, auch unter widrigsten Umständen machen Menschen Kunst, sogar im KZ wurde Theater gespielt. Daran sieht man, wie elementar Kunst ist, wie existenziell. Aber wer nur einen Moment daran glaubt, Kunst könnte tatsächlich etwas aufhalten, liegt falsch. Es ist ein Zufluchtsort für Menschen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen.





Schlagwörter

Interview, Hubsi Kramar, Jubiläum

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-22 16:49:34
Letzte Änderung am 2018-06-22 17:00:25


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vorarlberger im Finale von "America's Got Talent"
  2. Ausgezaubert
  3. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  4. Die Liebe als verzweifelter Imperativ
  5. Kampf an vielen Fronten
Meistkommentiert
  1. Wieder Wirbel um Ministeriums-"Journalistin"
  2. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  3. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"
  4. Drama um Daniel Küblböck
  5. Punkt! .

Werbung



Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.


Werbung