Andrea Eckert. - © L. Ziegler
Andrea Eckert. - © L. Ziegler

Niederösterreich nimmt beim Sommertheater einen Sonderstatus ein: Kein anderes Bundesland leistet sich so viele Spielstätten. Von Ost bis West, von Nord bis Süd wird Niederösterreich in den kommenden zwei Monaten von sommerlichen Spielen geradezu geflutet. Von Oper ("La Traviata" in Klosterneuburg) bis Musical ("Rock of Ages" in Amstetten), von Klassik ("Was ihr wollt" in Haag) bis modernes Unterhaltungstheater ("Boeing Boeing" in Berndorf) ist wohl für jeden etwas dabei.

Zwei Orte, die exemplarisch für höchste Ansprüche an die Bühnenkunst stehen, begehen heuer ein Jubiläum: Die Festspiele Reichenau haben Renate und Peter Loidolt vor nunmehr 30 Jahren aus der Taufe gehoben und die Raimundspiele Gutenstein gibt es auch schon ein volles Vierteljahrhundert.

Mit "goldener Hand"


Der Kurort Reichenau an der Rax war hitziger Treffpunkt der Wiener Intelligenzija: Von Nestroy bis zu Schnitzler, Altenberg, Musil und Co verlegten viele Künstler seinerzeit ihre Sommerresidenz nach Reichenau. Das Intendantenpaar Loidolt nutzte den Genius Loci und rückte die Literatur des Fin de Siècle in den Mittelpunkt der Festspiele. "Wir haben ganz unbefangen das Richtige gemacht", verriet Renate Loidolt das Erfolgsgeheimnis in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". "Wir haben eine goldene Hand bei der Stückauswahl, der Besetzung und haben eine erstklassige organisatorische Struktur geschaffen."

Die Loidolts engagieren stets ein All-Star-Ensemble aus Burg-, Volkstheater und Josefstadt, das man in dieser Zusammensetzung das Jahr über nicht sehen kann. Bei der Regie geht man auf Nummer sicher und setzt auf klassische Schauspielerführung. Im Jubiläumsjahr stehen "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams mit Petra Morzé, Schnitzlers "Das Vermächtnis" mit Joseph Lorenz und Regina Fritsch sowie die Dramatisierung von Franz Werfels "Cella" mit Julia Stemberger auf dem Programm.

36 Kilometer nördlich von Reichenau liegt Gutenstein. Die beiden Orte teilen nicht nur dieselbe malerische Landschaft, auch was das Sommertheater betrifft, verbindet sie ein ähnlicher Gründungsgedanke: Ferdinand Raimund, in vielem ein Außenseiter, zog es in der warmen Jahreszeit nämlich nicht in das mondäne Reichenau, sondern in die kleine Ortschaft Gutenstein. "Sooft er konnte, hat er sich hierher zurückgezogen und in seiner schönen Villa Kraft getankt", sagt Gutenstein-Intendantin Andrea Eckert. Raimunds Liebe zu Land und Leuten ist geradezu legendär, es gibt viele Anekdoten über den im Piestingtal wandernden Dichter. Raimund hat sogar eine "Ode an Gutenstein" verfasst, die so beginnt: "So schau ich Dich im Frühlingsschein, Du mein geliebtes Gutenstein." Wunschgemäß wurde Raimund auch in Gutenstein begraben.