Frauenschicksale stehen schon seit einigen Jahren auf der Agenda der Festspiele Reichenau. Heuer hat man sich eines besonders schillernden Loses der Theatergeschichte angenommen: das der Blanche DuBois aus Tennessee Williams’ "Endstation Sehnsucht". Im blassrosa Ensemble mit Schößchen und Schleierhut landet Petra Morzé als dieselbe mit etwas aufgesetztem Ekel in der heruntergekommenen New-Orleans-Ecke, in der ihre Schwester Stella mit Ehemann Stanley Kowalski lebt. Später wird sich ja herausstellen, dass sie nicht wirklich einen Grund hat, hier die Nase zu rümpfen. Nachbarin Eunice lässt sie in die Wohnung, nicht ohne herumliegende Unterhosen wegzuräumen, die sie dann doch, aus Mangel an Alternativen, zum Gläser Putzen verwendet. Dass das Blanche wenig stört, solange sich im schlüpfergesäuberten Glas ein anständiger Schluck Whisky befindet, weist auch schon auf weitere Entwicklungen hin.

Blanche, überaus feinnervig angelegt, nimmt im 40-Grad-Südstaatensommer heiße Bäder, um unter anderem über den Verlust des Familiensitzes Belle Rêve hinwegzukommen. Stanley Kowalski, ohnehin nicht der wohlmeinendste und zivilisierteste Zeitgenosse, stört sich nicht nur daran, dass sein Southern Comfort noch schneller zur Neige geht, als wenn er sich allein damit befasst. Seine Frau Stella ist schwanger, was ihn nicht daran hindert, ihr mit seinen Fäusten die Grundregeln des Patriarchats zu erklären. Blanches Bemühungen, sich Mitch, den vom Liebesgott nicht verwöhnten Freund von Stanley zu angeln, werden von Letzterem durchkreuzt, nur einer der Pflastersteine auf Blanches Weg ins Unglück beziehungsweise Irrenhaus.

Laut Programmheft ist die Blanche für Petra Morzé eine Traumrolle seit ihres Schauspielstudiums. Und das merkt man auch in Reichenau. Sie legt sich direkt hinein in die morgenmantelschwingende Egozentrik-Umnachtung, sie kichert mädchenhaft, um sich dann einsam der nicht-vorhandenen Musik hinzugebnen. Wenn sie Mitch ihre jugendliche Liebestragöde erzählt, findet sie die richtige Balance zwischen Südstaaten-Hysterie und Semmeringer Abgeklärtheit.

Brodelnde Rohheit

Daniel Jesch als Stanley ist zu Beginn ein fast zu adretter junger Mann, dem man die Rohheit kaum zutraut, die er aber nach und nach immer bedrohlicher brodeln und ausbrechen lässt. Johanna Arrouas spielt die sexuelle Abhängigkeit von Stella mit fast nonchalanter Selbstverständlichkeit, vor allem wenn die beiden nach Blanches Abtransport durch den Arzt im Schlussbild schluchzenden Trauersex haben. Dirk Nocker berührt als Mitch, der Mann mit den zerschlagenen Hoffnungen, der sich trotz Frustgewitters an letzte Anständigkeitsreste erinnert. Die Regie von Beverly Blankenship und die Bühne von Peter Loidolt nützen die Amphitheatersituation geschickt, mit nur wenigen Möbeln und einem mit Feuerleitertapete beklebten Gerüst ist es getan. Die Südstaatenatmosphäre soll Sängerin Katia Ledoux vermitteln, ihr Blues gerät nur leider etwas zu opernhaft. Das ist aber wohl Beckmesserei bei einem souveränen, gelungenen Theaterabend.