Wilde Jahre: Joseph Lorenz, David Jakob und Regina Fritsch (v.l.n.r.) in Reichenau. - © apa/Robert Jäger
Wilde Jahre: Joseph Lorenz, David Jakob und Regina Fritsch (v.l.n.r.) in Reichenau. - © apa/Robert Jäger

Ausritt in den Prater. Sturz vom Pferd. Ein junger Herr wird in die Villa zurückgeschleppt. Er wankt in den Salon, wird aufs Kanapee gebettet. Die letzte Stunde von Hugo Losatti ist die große Stunde der Mutter. Ein verständiges, gütiges Leuchten huscht über Regina Fritschs unergründliches Gesicht, als David Jakob in dieser Kurzzeitrolle sie bittet, die Geliebte Toni und beider kleines Kind in die Familie aufzunehmen. Als Hugos Vater kommt Joseph Lorenz, ein elegantes Schwergewicht vom Scheitel bis zur Sohle, aus einer Sitzung ans Totenbett geeilt. Auch Toni wird geholt, erscheint erstarrt, erschüttert. Die Trauer eint nicht lange. Bald läutet das Totenglöcklein zum zweiten Mal. Als der schwächliche Vierjährige stirbt, ist das Rettungsband für Toni zerrissen.

Seelenmalerei

Die Regie von Hermann Beil setzt Nanette Waidmann in stolze Positur, genährt aus Schmerz und Verzweiflung. Im Hause Losatti leben auch eine junge Witwe (Stefanie Dvorak mit rotem Haar und menschenumarmendem Furor) mit Tochter (Alina Fritsch), einem auf Toni eifersüchtelnden Ganserl.

Ein junger Arzt will die ältere Losatti-Tochter heiraten. Johanna Prosl gibt Franziska in der gewinnenden Genauigkeit, die dieser Beziehung ein Ende setzen muss. Warum darf der Brautwerber Dr. Winter so viel moralischen Druck auf Toni lenken, bis sie aus dem Haus und in den Tod geht? Ist es wirklich so schwer, eine schöne Tochter (20 Jahre alt nur im Original) unter die Haube zu bringen? Dominik Raneburger verbiegt sich semielegant, doch bleibt er oft in Polterei stecken.

Arthur Schnitzler zeichnet die Seelen der fünf Frauen beklemmend einfühlsam. Für die alles bestimmenden Herren griff er zum flinken Pinsel der Typenkarikatur. Professor Losatti: als Wissenschaftler einsichtig, doch als liberaler Politiker ein Rohr im Wind. Dr. Winter ist aus Armut in höhere Kreise aufgestiegen; brutal verteidigt er deren scheinmoralische Spielregeln aus Angst, wieder abzustürzen. Indem er in eine Familie mit einer solchen sittenwidrigen Altlast wie Toni einheiratet. Die Bilanz der verbotenen, seinerzeit skandalösen, nur knapp an der Theaterzensur vorbeigeschwindelten "freien Liebe" zu einem "süßen Mädel": drei Leichen in nur wenigen Wochen. Die politische Lehre: Trau keinem liberalen Moralisten (so sah sich Schnitzler selbst), doch noch weniger einem konservativen!

Schon in "Liebelei" (1894) blickte Schnitzler selbstkritisch zurück auf wilde Jahre im Milieu feiner junger Herren - auf gebrochene Herzen armer Mädel und nicht wenige Selbstmorde.

Im "Vermächtnis" ging er forscher vor, wie in einem Schnellverfahren, dessen Ende vorauszusehen ist. Die mit satirischen Lichtblitzen auf die regierenden Männer aufgepoppte Frauentragödie fand 1898 wenig Beifall bei der Berliner Uraufführung und knapp danach im Burgtheater. Ein Remake 1976 in der Josefstadt taugte mehr als Dienst am Dichter als am Publikum.

In ihrem Jubiläumsjahr wagten die vor 30 Jahren gegründeten Festspiele Reichenau diese sperrige Rarität nach Hermann Beils strengem Konzept. Es beginnt mit der klugen Verknappung des Texts (im Original hätte auch der Vierjährige eine Rolle), Peter Loidolts Art-Déco-Schauwand und Erika Navas’ dezentem Kleiderrausch. Die Trauer um das tote Kind findet in dem aus dem Dunkel herausgeleuchteten Teddybären ein so rührendes wie patschertes Symbol. Im dritten, dem letzten Akt mit den selbstgefälligen Männer-Tiraden dreht Beil weit über die in Reichenau fast zu Tode gepflegte Konversations-Säuselei auf. Das Publikum geht gerne mit und jubelt.