Ein Barockoratorium, umgeben von der geselligen, weinseligen Retzer Landschaft. Und dann auch noch von Johann Adolph Hasse, dreisprachig und voller herrlicher, großer, geistlicher Chöre: "I pellegrini al sepolcro di nostro Signore" - "Die Pilger", zeitlos in seinem humanistischen Statement. Moment - gibt es das überhaupt? Na ja: Hasse, der "göttliche Sachse", hatte ein Oratorium über die Freuden der Pilgerschaft ins Heilige Land, die Leiden des Herrn der Christen am Kreuze und die Chancen durch, modern gesprochen "interreligiöse Begegnungszonen" in Jerusalem komponiert.

Mit der Szene war es freilich nicht so weit her wie aktuell beim Festival Retz, auch nicht mit der Opulenz: Chöre kannte das kammermusikalische Original bei der Uraufführung (1742) nicht; in Retz wird das Stück durch Höhepunkte aus Hasses Es-Dur-Requiem und sein c-Moll-Miserere ergänzt - und durch eine Geschichte zur Kirchenoper: Jerusalem, Jetztzeit. Albino, ein junger Christ mit palästinensischen Wurzeln, ist von den gegenwärtigen Konflikten in der Stadt mit den verschiedenen Ethnien enttäuscht, entwurzelt steht er da. Manuela Leonhartsberger lieh dem suchenden Jüngling ihren soliden Mezzo und ihr agiles Schauspiel. Albino trifft die New Yorker Brieffreundin Eugenia, die mit dem Besuch die Suche nach ihren jüdischen Wurzeln verbindet: Zauberhafte Momente bescherte Bernarda Bobros Eugenia in der Pfarrkirche Retz. Die Liebe erwacht. Geistliche Unterstützung besonderer Art erhielten sie mit den Pilgern aus aller Welt wie verschiedenen Ordensleuten von Abt Guida: Stefan Zenkls Bariton erschütterte und fesselte etwa in der Passionsarie "D’aspri legato indegni modi". Neben dem wendigen Ensemble Continuum unter Andreas Schüller verzauberten die ergänzten Chöre des Terpsichore-Vocalensemble und die schlichte (Licht-)Regie von Monika Steiner Hasse-Liebhaber wie Neulinge.