• vom 06.07.2018, 16:06 Uhr

Bühne

Update: 06.07.2018, 16:17 Uhr

Opernkritik

Erhabenes inmitten der Weinreben




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Daniel Wagner

  • Das Festival Retz belebt eine Rarität aus dem Hochbarock.

Agiles Schauspiel: Manuela Leonhartsberger.

Agiles Schauspiel: Manuela Leonhartsberger.© Claudia Prieler Agiles Schauspiel: Manuela Leonhartsberger.© Claudia Prieler

Ein Barockoratorium, umgeben von der geselligen, weinseligen Retzer Landschaft. Und dann auch noch von Johann Adolph Hasse, dreisprachig und voller herrlicher, großer, geistlicher Chöre: "I pellegrini al sepolcro di nostro Signore" - "Die Pilger", zeitlos in seinem humanistischen Statement. Moment - gibt es das überhaupt? Na ja: Hasse, der "göttliche Sachse", hatte ein Oratorium über die Freuden der Pilgerschaft ins Heilige Land, die Leiden des Herrn der Christen am Kreuze und die Chancen durch, modern gesprochen "interreligiöse Begegnungszonen" in Jerusalem komponiert.

Mit der Szene war es freilich nicht so weit her wie aktuell beim Festival Retz, auch nicht mit der Opulenz: Chöre kannte das kammermusikalische Original bei der Uraufführung (1742) nicht; in Retz wird das Stück durch Höhepunkte aus Hasses Es-Dur-Requiem und sein c-Moll-Miserere ergänzt - und durch eine Geschichte zur Kirchenoper: Jerusalem, Jetztzeit. Albino, ein junger Christ mit palästinensischen Wurzeln, ist von den gegenwärtigen Konflikten in der Stadt mit den verschiedenen Ethnien enttäuscht, entwurzelt steht er da. Manuela Leonhartsberger lieh dem suchenden Jüngling ihren soliden Mezzo und ihr agiles Schauspiel. Albino trifft die New Yorker Brieffreundin Eugenia, die mit dem Besuch die Suche nach ihren jüdischen Wurzeln verbindet: Zauberhafte Momente bescherte Bernarda Bobros Eugenia in der Pfarrkirche Retz. Die Liebe erwacht. Geistliche Unterstützung besonderer Art erhielten sie mit den Pilgern aus aller Welt wie verschiedenen Ordensleuten von Abt Guida: Stefan Zenkls Bariton erschütterte und fesselte etwa in der Passionsarie "D’aspri legato indegni modi". Neben dem wendigen Ensemble Continuum unter Andreas Schüller verzauberten die ergänzten Chöre des Terpsichore-Vocalensemble und die schlichte (Licht-)Regie von Monika Steiner Hasse-Liebhaber wie Neulinge.

Information

Kirchenoper
Die Pilger
Festival Retz
Weitere Termine bis 22. Juli





Schlagwörter

Opernkritik, Kirchenoper

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 16:14:03
Letzte Änderung am 2018-07-06 16:17:57


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Denkmuskel
  2. Eine neue Hoffnung
  3. Schlag auf Schlaghose
  4. Die Bücher für den Sommer
  5. Ode an die Kunstfreiheit
Meistkommentiert
  1. achtung!
  2. Ode an die Kunstfreiheit
  3. Aufmüpfig, nicht getröstet!
  4. "Eine große Frau mit Haltung"
  5. Erhabenes inmitten der Weinreben

Werbung



Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand.

Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen. Eleni Foureira aus Zypern während ihres Probe-Auftritts in Lissabon. 

Fritz G. Mayer, Fritz Wotruba, Kirche zur Hl. Dreifaltigkeit, Außenansicht, Wien 23, 1974–1976. Das Siegerfoto mit dem Titel "Venezuela Krise", es zeigt einen 28-jährigen Mann mit brennendem Oberkörper während heftiger Proteste gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas im Mai 2017. 


Werbung