Zu Beginn von Christiane Lutz’ Klosterneuburger Inszenierung von Giuseppe Verdis "La Traviata" ist Violetta tot, ihre letzten Habseligkeiten werden versteigert. Das Bild in seiner grauen Kälte bleibt in Erinnerung - und auch, wie die Rückblende mit dem Auftritt Arthur Espiritus als Alfredo beginnt und aus seiner Erinnerung die Gegenwart des Dramas entsteht. Dann singt Arthur Espiritu seine ersten Phrasen mit strahlendem Tenor, und man weiß, dass man zumindest in einer Rolle Staatsopern-Niveau erleben wird.

Tatsächlich setzt sich das fort. Diese Klosterneuburger "Traviata" ist ein Triumph des Gesanges, der Rollengestaltung und der perfekten Ausformung des orchestralen Geschehens. Eugenia Dushina als Violetta ist stark und zerbrechlich zugleich, die Koloraturen kommen ihr sicher, nur nicht mit letzter Leichtigkeit aus der Kehle - aber was soll eine Kritik daran, angesichts des dritten Aktes mit dem langsamen Verlöschen? - Wie da die Dushina allmählich die Farbe aus der Stimme nimmt, ist unvergleichlich. Günter Haumer gewinnt seinem Vater Germont alle Antipathie, weil er begreiflich macht, dass seine väterliche Sorge eine Maske ist, hinter der ein eiskaltes Scheusal die Fäden zieht, an denen auch die Tochter zappelt, die in dieser Inszenierung stumm mit auf die Bühne darf.

Entscheidungen treffen

Famos besetzt ist die Aufführung auch in den mittleren und kleinen Rollen, Florina Ilie (Annina), Oscar Oré (Gaston) und Florian Köfler (Arzt) seien stellvertretend für das hohe Niveau aller genannt, das sich auch in der Leistung des von Michael Schneider einstudierten Chors spiegelt.

Wenn es (ohnedies nur geringe) Abstriche zu machen gilt, dann bei der Inszenierung: Christiane Lutz hat sich als Konzept wohl zurechtgelegt, Violetta als feministisch angehauchte Frau mit dem Willen zur Selbstbestimmung zu zeigen. Wiederholt ist sie mit Entscheidungen konfrontiert, die sie von ihrem Weg abbringen, sie ist im wahrsten Sinn des Wortes eine "traviata", eine, die ihren Weg verliert. An Schlüsselszenen werfen deshalb drei Tänzerinnen quasi Seelenschatten auf Violetta. Das mag gut ausgedacht sein, umgibt die oft statisch geführten Protagonisten aber mit einer Bewegungsüberfrachtung.

Fast ist es symptomatisch für diese Inszenierung, dass die ruhige Szene im Landhaus am besten funktioniert, vielleicht auch, weil die durchästhetisierte Künstlichkeit von Christian Andre Tabakoffs Bühnenbild, das sonst die Spielorte absichtlich trocken referiert, hier mit bunten Blumenbeeten eine Atmosphäre der Irrealität schafft, in der sich zuerst Violetta und Alfredo traumtänzerisch bewegen und sie später von Vater Germont nahezu hypnotisiert scheint. Trotz allen konzeptuellen Ballasts erzählt Christiane Lutz aber immer noch Verdis "Traviata" - und das auf eine Weise, die betroffen macht, sogar schockiert, wenn der Karnevalsumzug ins Gespenstische kippt, und am Schluss die Kehle zuschnürt.

Wer Verdis Musik bisher für M-ta-ta mit genialen Melodien gehalten hat, denkt in dieser Aufführung um, was am Dirigenten Christoph Campestrini liegt. Unter seiner Leitung werden die Pizzicati der Beethoven Philharmonie wie Pulsschläge und die Linien der Holzbläser treffen mitten ins Herz. Wie es Campestrini schafft, dass die Melodien völlig frei über der Begleitung zu schweben scheinen, bleibt sein Geheimnis. In seiner Interpretation ist alles entstaubt, die Farben sind klar und frisch - dazu passt, dass Campestrini auf den von Verdi vorgeschriebenen Cimbasso als Blechbläser-Bass bestanden hat: Herb und präzise und bisweilen durchdringend unerbittlich klingt nun der in so vielen anderen Aufführungen durch die dumpfe Basstuba aufgeweichte Blechbläser-Satz.

Der Erfolg der Aufführung beim Publikum war denn auch denkbar groß: Ovationen für alle - und eine "Traviata", die musikalisch Modellcharakter hat und mit szenischen Lösungen aufwartet, die Gesprächsstoff liefern. Ein Sommeropernfest!