• vom 13.07.2018, 17:27 Uhr

Bühne

Update: 13.07.2018, 17:46 Uhr

Operetten-Kritik

Eine Ohrenweide




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Seefestspiele Mörbisch bedienen auch heuer das Auge - die erste Geige spielt diesmal aber die Musik. Allein: Diese "Gräfin Mariza", die erste Produktion von Intendant Peter Edelmann, könnte mehr Pointenpfeffer vertragen.

Museale Aussichten, aber intensive Klänge: Bei den Mörbischer Seefestspielen hat mit "Gräfin Mariza" eine neue Ära begonnen. Im Bild (von links nach rechts): Mila Janevska (Zigeunerin), Ondrej Janoska (Geiger) und Vida Mikneviciute (Gräfin Mariza). - © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Museale Aussichten, aber intensive Klänge: Bei den Mörbischer Seefestspielen hat mit "Gräfin Mariza" eine neue Ära begonnen. Im Bild (von links nach rechts): Mila Janevska (Zigeunerin), Ondrej Janoska (Geiger) und Vida Mikneviciute (Gräfin Mariza). © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Ob er auch das "Guinnessbuch der Rekorde" angerufen hat, ist ungewiss. Peter Edelmann, neuer Intendant von Mörbisch, ist jedenfalls nicht müde geworden, seine Botschaft rund um den Globus zu verbreiten, von Eisenstadt bis nach Seoul, und wer es bisher nicht wusste, der wurde am Donnerstagabend von einer Lautsprecherdurchsage ins rechte Licht gesetzt: "Genießen Sie Ihren Aufenthalt und freuen Sie sich auf die größte Geige der Welt!"

Diese also, 45 Meter lang und 11 hoch, ist die zentrale Werbebotschaft dieses Festivalsommers. Der Stolz auf das Holz ist nicht unverständlich. Der Operetten-Veranstalter geigt damit nicht nur groß, sondern auch edel auf. Trotz der Maße ist die Riesenfidel elegant anzusehen, und sie birgt nicht etwa einen hohlen Resonanzraum, sondern die Bühnenbilder für eine gediegene Aufführung der "Gräfin Mariza". Wie ein Tresor zur schönen Aussicht öffnet sich dieses Instrument während der Ouvertüre.

Information

Operette
Gräfin Mariza
Von Emmerich Kálmán
Weitere Termine bis 25. August
www.seefestspiele-moerbisch.at

Überraschende Sänger-Festspiele

Das Erstaunlichste an dem Abend ist allerdings etwas anderes. Diese Mörbisch-Premiere wird auf einem Niveau gesungen, das seinesgleichen sucht - auch im Vergleich zu anderen Operetten-Anbietern. Dabei verblüfft es, eine solche Spitzenleistung gerade hier zu erleben. Immerhin hat der legendäre Festival-Leiter Harald Serafin die Bühne vor allem zu einer Orgel des optischen Spektakels aufgerüstet.

Zwei Intendantenwechsel später beginnt Peter Edelmann nun mit einer Premiere, die das Prädikat "Festspiel" sängerisch verdient, vor allem dank dieses Grafen Tassilo: Der verarmte Adelige, der sich am Gut der Titelheldin verdingt, ist reich an Stimme. Tenor Roman Payer verfügt in der Tiefe über maskuline Fülle, in der Höhe über Honigsüße und insgesamt über eine Bärenkraft, die Bravourtöne scheinbar mühelos stemmt.

Daneben Vida Mikneviciute in der Titelrolle der umbuhlten Gräfin: Die zarte Litauerin überrascht mit einem Schalldruck, der auch Wagner-Partien zu schultern verstünde. Stimmt zwar: Ihre Attacken bringen die Verstärkeranlage manchmal in die Bredouille. Dieser dunkel glosende, dramatische Sopran beglaubigt das Temperament der Gräfin Mariza aber nachdrücklich, und er ist in dieser Operette beileibe nicht fehl am Platz: Emmerich Kálmáns Partitur von 1924 strotzt nicht nur vor Ohrwürmern mit Paprika-Kolorit, sie bietet den beiden Hauptdarstellern auch opernhafte Entfaltungsmöglichkeiten.

Rund um das Paar, das sein Operettenliebesglück schließlich finden wird, ist am Premierenabend auch das Umfeld geschickt besetzt: Rinnat Moriah (Lisa) und Christoph Filler (Baron Zsupan) bilden ein komisches, klangvolles Buffo-Paar, Horst Lamnek (Fürst Populescu) stimmt mit einem kernigen, wenn auch nicht sehr wendigen Bariton in den Chor der Mariza-Schürzenjäger ein. Eine Dosis Glamour setzt es gegen Ende mit Melanie Holliday: Die US-Sängerin, einst von Marcel Prawy an die Volksoper geholt, mimt im Western-Outfit eine stark amerikanisierte Fürstin Bozena und darf in Gesellschaft eines grantelnden Faktotums (auch nicht ganz Operetten-unbekannt: Franz Suhrada als Penizek) einige Insider-Scherze aus dem glitzernden Ärmel schütteln.

Diese Pointen waren hier aber auch bitter nötig. Seltsam: Vor zehn Jahre hat Regisseur Karl Absenger ein freches "Weißes Rössl" an den Neusiedler See gestellt. Jetzt setzt er hier eine ästhetische, in Summe doch biedere "Mariza" ab. Während das Festival sein Sänger-Soll übererfüllt, klafft ein Humor-Defizit: Die Dialoge sorgen meist nur für ein Schmunzeln, die Choreografie von Johanna Bodor findet Anerkennungsapplaus, verdient sich aber auch ein Kopfschütteln, wenn sie die Chormasse nur mit dem Knie wippen lässt.

Die Grenzen der
Gediegenheit

Auch die Bilder, elegant aus dem Geigenbauch geboren, werfen im Laufe des Abends Probleme auf. Edelmann will sein Publikum nicht mit zeitgenössischen Deutungen behelligen: Das sei ihm unbenommen. Zu viel Gediegenheit aber ist der Unterhaltung Tod - und dieser Überdosis kommt man stellenweise nahe. Marizas Anwesen erweist sich als eine hübsch in die Seelandschaft gefügte, aber vor allem altehrwürdige Kulisse mit antiker Bibliothek; die Menschen treten wahlweise als Volkstanzgruppe oder Zeitgenossen der stilvollen 1920er Jahre auf; auch im Sündenpfuhl Tabarin kein Hauch von Frivolität. Etwas mehr Witz wäre dem einschlägig geeichten Publikum zuzumuten (und wohl auch erwünscht).

Aufgrund der Musik trotzdem ein lohnender Abend, auch dank Dirigent Guido Mancusi: Er schwelgt in opulenten Klangbildern, kostet süffige Momente aus und wölbt Spannungsbögen, versteht es aber auch, den trockenen Witz eines Charlestons auszuspielen. Insofern ein gelungener Neubeginn in Mörbisch - auch wenn sich Edelmanns Ansatz ein Fine-Tuning verdienen würde.





Schlagwörter

Operetten-Kritik, Mörbisch

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 17:35:20
Letzte Änderung am 2018-07-13 17:46:39


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