• vom 19.07.2018, 16:38 Uhr

Bühne

Update: 19.07.2018, 16:53 Uhr

Opernkritik

Der Goldfinger von Rom




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Von Christoph Irrgeher

  • Gutes Hand-, aber kein Meisterwerk: Berthold Goldschmidts Oper "Beatrice Cenci" in Bregenz.

Im Zentrum: Christoph Pohl. - © apa/Dietmar Stiplovsek

Im Zentrum: Christoph Pohl. © apa/Dietmar Stiplovsek

Man stelle sich vor, der Sieger der Fußball-WM hätte das Turnier ohne eine Ehrung verlassen müssen. Kein Pokal, kein Goldregen, keine Würdigung durch die Weltpolitik. Und das nach all der Plackerei.

Ähnlich muss sich Berthold Goldschmidt gefühlt haben. Er nahm 1950 an einem Komponisten-Wettbewerb in London teil - und der jüdische Deutsche, der aus dem NS-Reich geflohen war, schien nun vor dem Durchbruch in der neuen Heimat zu stehen: Seine Oper "Beatrice Cenci" wurde zu einem der vier Sieger des Bewerbes gekürt. Nur leider: Die verheißene Uraufführung beim "Festival of Britain" fand nie statt. Erst 38 Jahre später ein Trostpreis: Das Werk wurde in einem Konzertsaal aus der Taufe gehoben. Zwei Jahre vor seinem Tod konnte Goldschmidt "Cenci" doch noch auf einer Opernbühne sehen, 1994 in Magdeburg: Eine späte Würdigung in Deutschland für den vergessenen Sohn. Dieser brachte es aber auch in England nicht zu Komponistenruhm. Seit dem "Cenci"-Debakel 1950 schrieb er kaum noch Werke und zog sich immer mehr auf die Rolle des Dirigenten zurück. Das Exil, so scheint es, hat diesem anfangs gelobten Opernschöpfer ("Der gewaltige Hahnrei", Mannheim 1932) einen Strich durch die Lebensrechnung gemacht.

Information

Oper
Beatrice Cenci
Bregenz, Festspielhaus
Bis 30. Juli

Geistreiche Legierung

Aber war es wirklich nur Pech - oder hat "Beatrice Cenci" auch Schwächen? Die Bregenzer Festspiele stellten das Werk nun erneut auf den Prüfstand, und das Ergebnis fällt durchwachsen aus. Diese Schubladen-Oper, so legte es die Premiere am Mittwoch im Festspielhaus nahe, ist gutes Handwerk - aber kein Meisterstück.

Dabei birgt die Handlung Zündstoff. Beatrice Cenci, eine historische Figur des 16. Jahrhunderts, leidet unter ihrem Vater: Der Reichtum dieses römischen Grafen wird nur von seiner Grausamkeit übertroffen. Francesco Cenci tyrannisiert sein Umfeld nach Belieben, frönt auch der Mordlust, deren Folgen die Kirche dank einer Immobilienspende vertuscht. Als Cenci seine Söhne ausschaltet und Beatrice (so legt es die Oper nah) vergewaltigt, schlägt der Rest der Sippe zurück: Tochter und Stiefmutter lassen die Bestie umbringen. Doch die Tat kommt ans Licht und wird von jenen Kirchenmännern, die dem Monster so milde gesonnen waren, mit voller Härte gestraft: Tod durch das Beil.

Goldschmidt hat diesen Horror mit feiner Klinge vertont: Ornamente der Alten Musik tauchen bald mehr, bald weniger deutlich auf. Raffiniert eingewoben, verleihen sie dem Werk aber nur eine gewisse Färbung. Sein Gepräge bezieht es von der gemäßigten Moderne. Goldschmidt ist in der Welt von Dur und Moll daheim, spickt Akkorde aber gern mit Missklängen und schert hier und da völlig ins Dissonante aus. All diese Elemente hat er zu einer stimmigen Legierung vereint: Das ist keine geringe Leistung. Die Wiener Symphoniker (Dirigent: Johannes Debus) gehen die Partitur eher sanft an, lassen die Rhythmen federn.

Panoptikum der Plattitüden

Und doch hat diese Musik ein Problem: Sie setzt keine Prioritäten. Der Wille zum Spannungsgipfel, zum dramatischen Knackpunkt, ist dem Libretto (Martin Esslin) gegeben, der Partitur eher nicht. Sie bleibt zwei Stunden lang mehr oder minder einer Gangart treu, strömt geistreich, aber gleichförmig dahin. Ein Manko, das sich auch melodisch bemerkbar macht: Nur Beatrices (kinderliedartige) Schlussarie bleibt im Ohr hängen.

Die Regie von Johannes Erath vergisst man am besten auch rasch. Sie deckt Ideenmangel mit einem glitzernden Panoptikum der Plattitüden zu und lässt Priester in einer Dekadenz schwelgen wie weiland in "Fellinis Roma". Dazu türmen sich Geldberge von Dagobert Duck’scher Dimension, und ein Schuft mit Glitzer-Penisfutteral und Goldfinger-Handschuhen singt in ein Mikrofon. Himmel! Einen Typen wie Francesco Cenci, der seine Kinder quält, seelisch verkrüppelt und tötet, mit Glamrockposen auszustatten, läuft auf Verharmlosung hinaus. Und es nimmt dieser Oper ihr tragisches Gewicht.

Bleibt abschließend zu erwähnen, dass an diesem Abend solide (Christoph Pohl als Schuft) bis kraftvoll gesungen wurde (Gal James als spitzentonsichere Tochter, Michael Laurenz als Prälat). Das Publikum verabschiedete sich freundlich von "Beatrice". Es wird sie wohl kaum wiedersehen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-19 16:47:10
Letzte Änderung am 2018-07-19 16:53:07


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