• vom 20.07.2018, 17:13 Uhr

Bühne

Update: 20.07.2018, 17:35 Uhr

Opernkritik

Effekt ist Trumpf




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Von Christoph Irrgeher

  • Teilweise mehr Show als Oper: "Carmen" auf der Bregenzer Seebühne.


© apa/Stiplovsek © apa/Stiplovsek

Bei der Premiere im Vorjahr ist der Effekt vermutlich nicht aufgefallen. Mitten im zweiten Akt - Escamillo besingt die Freuden des Stierkampfs, Carmen erhört ihn noch nicht -, prasselt künstlicher Regen vom Bühnenhimmel. Dieses Nass hatte damals am Bodensee aber mächtige Konkurrenz: Der Abend ist von einem großflächigen Gewitter heimgesucht worden, der Effekt ging buchstäblich unter.

Für die Wiederaufnahme dieser "Carmen" nun Traumbedingungen. Klarer Himmel, lauer Abend: Nichts lenkt ab von dem Effektpulver, das die Bregenzer Festspiele hier für "Carmen" verschießen. Man zweifelt nicht daran: Es Devlin hat auch schon Bühnen für Pop-Bombastiker wie Kanye West gezimmert. Für die "Carmen" lässt sie eine kolossale Skulptur aus dem Bodensee ragen: Ein Satz Spielkarten fliegt scheinbar zwischen zwei Riesen-Zigeunerhänden durch die Luft, einige Blätter liegen auf dem Wasserspiegel: Auf diesem Haufen werden sich die Sänger bewegen. In erster Linie ist diese Bühne aber ein Tummelplatz für Projektionen. Videomapping, also die gezielte Bespielung von einzelnen Flächen, verwandelt die Riesenblätter in Poker- oder Postkarten, mitunter tauchen auch Live-Großaufnahmen der Sänger auf. Mächtiges Blickfutter für das Zeitalter der Bildschirmsucht.

Information

Oper
Bregenzer Festspiele
Carmen
Weitere Termine bis 20. August

Hauptsache Bewegtbild

Nun hat die Bregenzer Bühne (Kapazität: 7000 Besucher) schon immer von einem Riesenspektakel gelebt. In der Vergangenheit dienten die Kulissen aber nicht nur der Prachtentfaltung, sondern auch künstlerischen Aussagen. Das ist diesmal eher nicht der Fall. Die Spielkarten (sie beziehen sich auf die Wahrsager-Szene im dritten Akt) bringen Carmens Weltbild zwar exemplarisch auf den Punkt. Liebe und Tod: Alles ist in Schwebe, alles letztlich eine Frage des Schicksals für diese erotische Fatalistin. Die Bilder der folgenden zwei Opernstunden (in Bregenz wie immer ohne Pause) vermitteln aber vor allem zwei Botschaften: Effekt ist Trumpf. Und Klischee olé. Eine Zigarette qualmt in der Größe eines Fabrikschlots, Torero- und Spanienfotos, scheinbar handkoloriert oder vergilbt, erstrahlen und verschwinden, über die Herzdame legen sich die Züge der Titelheldin. Stimmt zwar: Schon Opernschöpfer Georges Bizet hat diese Stereotype vom sinnesfreudigen Spanien bedient. Die Videomaschinerie gibt dem Auge aber nun so viel Effektzucker, dass man die Handlung fast vergisst. Dazu kommt: Mancher Blickfang hat mit dem Werk kaum etwas zu tun. Wenn die Zigeunerinnen so tief im Seewasser tanzen, dass es spritzt, wenn der Kunstregen waschelt und die Bilder auf den Spielkarten dank Computertechnik verrinnen, fühlt man sich eher in einem Popvideo als im Musiktheater.

Wobei: Eine Opernregie (Kasper Holten) ist schon vorhanden. Sie lässt die Handlung aber vor allem ordnungsgemäß stattfinden und findet nur dann aus dem Schatten des Videoblendwerks, wenn sie Stunts zu Wasser oder in luftiger Höhe bietet - oder wenn die Sänger in den Genuss einer Großaufnahme kommen.

Verführerin Micaëla

Dabei lässt manche Stimme (gespielt wird in mehreren Besetzungen) durchaus aufhorchen. Vor allem Micaëla. Im Libretto die Langweilerin neben der Männer und Zigaretten verheizenden Carmen, trumpft sie hier auf: Mit markantem Sopran und sinnlicher Phrasierungskunst erweist sich Cristina Pasaroiu als die Verführerin der Ohren. Wie 2017 gibt Gaëlle Arquez eine Carmen von schönem Wuchs und angerautem Timbre; Daniel Johansson führt als Don José einen vulkanischen Tenor ins Treffen, landet mit seinen Schleifern aber nicht immer bei der angepeilten Note. Und der Nebenbuhler Escamillo? Kostas Smoriginas lässt das Torero-Hemd, aber auch manchen Wunsch offen: Sein Bariton ist geräumig wie ein Wandschrank, aber auch klobig im Timbre. Klangschönes kommt vom Prager Philharmonischen und dem Bregenzer Festspielchor sowie den Wiener Symphonikern, die Antonino Fogliani mit verkehrspolizeilich großer Geste leitet. Zuletzt allgemeiner Jubel. Nicht unverständlich: Langweilig wird dieses Bilder-Brimborium nie - und hält das Publikum zwei Stunden lang vom Handyschauen ab.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-07-20 17:20:08
Letzte Änderung am 2018-07-20 17:35:58



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