• vom 25.07.2018, 15:54 Uhr

Bühne


Performance-Kritik

Pinkeln und Busseln




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Von Verena Franke

  • Marie Chouinard blickt mit 30 Miniaturen auf ihre Laufbahn zurück.

Catherine Dagenais-Savard und Sacha Ouellette-Deguir in "Crying-Laughing Duet".

Catherine Dagenais-Savard und Sacha Ouellette-Deguir in "Crying-Laughing Duet".© Sylvie-Ann Pare Catherine Dagenais-Savard und Sacha Ouellette-Deguir in "Crying-Laughing Duet".© Sylvie-Ann Pare

In einem weißen, simplen Kleid betritt eine Tänzerin die Bühne. In der linken Hand ein Glas Wasser, in der rechten einen Metallkübel. Im Profil stehend stellt sie diesen ab, trinkt fast schon majestätisch das Glas Wasser in einem Zug aus. Sie dreht sich ohne sichtbare Emotion zum Publikum, stellt sich über den Kübel und pinkelt hinein. Nach getanem Geschäft schreitet sie würdevoll mit Kübel und Glas von der Bühne. Schallendes Gelächter heute, ein Skandal früher. "Petit danse sans nom" heißt dieses zweiminütige Stück, das die kanadische Choreografin Marie Chouinard 1980 kreierte und zu ihrem Ruf als Rebellin und Enfant terrible der zeitgenössischen Tanzszene beitrug.

Heute blickt die derzeitige Leiterin der Tanzbiennale Venedig mit einer Retrospektive beim zurzeit stattfindenden Impulstanz-Festival auf ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum zurück: In "Radical Vitality. Solos and Duets" hat sie gemeinsam mit ihrer Compagnie 30 Stücke zwischen 13 Minuten und 35 Sekunden erarbeitet, die teils Ausschnitte, teils eigenständige Choreografien sind.


Entfremdung des
Menschlichen

Diese Miniaturen zeigen auch das breite Schaffensspektrum der Choreografin, die sich über die Jahre treu geblieben ist. Obwohl sie selbst einer Beschreibung ihres Stils in Interviews ausweicht und sie sogar ablehnt, ist diese Retrospektive dennoch ein Beweisstück ihrer choreografischen Handschrift: Meist weich und in Wellen bewegen sich die Körper ihrer dynamischen Tänzer, die gleichzeitig hervorragende Performer und Darsteller sind. Oft entfremdet sie das Menschliche zu Maschinen - "Solo" aus "Le cri du monde" - oder zu Aliens - faszinierend und beängstigend: "S.T.A.B." ("Space, Time And Beyond") - und manchmal karikiert sie menschliche Verhaltensweisen: "Love Attack" artet in eine äußerst humorige Bussi-Attacke aus, und in "Crying-Laughing Duet" malträtieren einander abwechselnd zwei Performer, wobei der Gequälte lauthals weint, während der Quäler lacht.

Humor und Erotik ziehen sich wie ein roter Faden durch diesen zweiteiligen und dreistündigen Abend, der vor allem im ersten Abschnitt kurzweilig und leichtlebig vorbeirauscht. Erst im zweiten Teil macht sich Erschöpfung aufgrund der Vielzahl der unterschiedlichen Miniaturen breit. Dennoch rentiert es sich allemal, das Sitzfleisch zu foltern.

Performance

Radical Vitality.

Solos and Duets

Compagnie Marie Chouinard

Volkstheater im Rahmen des Impulstanz-Festivals

Wh. am 26. und 28. Juli




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Dokument erstellt am 2018-07-25 16:05:11


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