• vom 26.07.2018, 14:34 Uhr

Bühne

Update: 26.07.2018, 16:59 Uhr

Opernkritik

Wer hat Angst vorm grünen Mann




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Von Joachim Lange

  • Bayreuther Festspiel-Eröffnung mit "Lohengrin" in der Bilderwelt von Neo Rauch.

Lohengrin und das Umspannwerk: Neo Rauch entwirft blaue Albtraumwelten. - © Enrico Nawrath

Lohengrin und das Umspannwerk: Neo Rauch entwirft blaue Albtraumwelten. © Enrico Nawrath

Bayreuth Ende Juli auf dem Grünen Hügel. Das übliche Tamtam. Über Dreißig Grad draußen. Und schnell auch drinnen. Auf dem Programm: ein neuer "Lohengrin", die letzte der zehn für Bayreuth gedachten Opern, die Christian Thielemann hier noch nicht dirigiert hat. Aus Dresden weiß er, dass sein diesjähriger Schwanenritter erste Wahl ist: Piotr Beczała. Als Retter in höchster Not, auf der Bühne und für Bayreuth. Vier Wochen vor der Premiere hatte Roberto Alagna die Rolle hingeschmissen. Erstaunlich, wie unprofessionell Superstars sein können.

Beczała liefert mit lupenreiner Diktion und betörendem Timbre ein Hügeldebüt vom Feinsten! Auch sonst: vokaler Glanz: Anja Harteros ist nach wie vor eine erstklassige Elsa. Georg Zeppenfeld ist einer der zuverlässigsten Festspielsänger und auch als König Heinrich ein Ausbund an Verlässlichkeit. Egils Silins ist ein markanter Heerrufer. Als Friedrich Telramund gibt Thomas Konieczny den Kraftlackel, manchmal mogelt er etwas mit der Diktion. Mag sein, dass die Ovationen für Waltraud Meier auch einen Teil Lebensleistungsbeifall enthielten. Aber sie beeindruckt bei ihrer Rückkehr auf den Grünen Hügel nach 18 Jahren mit einer technisch klug kalkulierten, imponierenden Ortrud. Den Wagnerdirigenten Thielemann schließlich kann man auch für seinen "Lohengrin" nur rühmen. Der kennt das Stück und das Haus wie kein anderer. Er liefert den musikalischen Energiestrom aus dem verdeckten Graben und verbreitet das Ausnahme-Wagner-Gefühl, wie man es an diesem Ort erwartet! Sängerfreundlich, transparent. Grandios!

Information

Oper

Lohengrin

Yuval Sharon (Regie)

Christian Thielemann (Dirigent)

Mit: Piotr Beczała, Anja Harteros, Waltraud Meier u. a.

Jetzt das Aber. Natürlich kann man die Rezeptionsgeschichte ignorieren und "Lohengrin" als Märchen erzählen. Warum nicht? Aber man muss es dann auch wirklich erzählen. Damit sind wir bei der einen großen Zusage: Malerstar Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy stehen für Bühne und Kostüme - und der zweiten Absage im Vorfeld dieser Produktion.

Regie ohne Chance

Eigentlich sollte nämlich Alvis Hermanis Regie führen. Der Lette kündigte aber dem Thalia in Hamburg, Bayreuth und Deutschland Freundschaft und Vertrag. Wegen der Flüchtlingspolitik. Was er natürlich darf. Wenn man allerdings an seinen Wiener "Parsifal" denkt, muss man unabhängig vom Politischen sagen: zum Glück für Bayreuth. Dass Yuval Sharon eingesprungen ist, muss man ihm hoch anrechnen. Gegen die schon vorgegebene starke optische Setzung durch Neo Rauchs Bildwelt freilich hatte er kaum eine Chance. Beziehungsweise muss er die in den Folgejahren in der "Werkstatt Bayreuth" erst noch nutzen.

Herausgekommen ist nämlich nicht der erhoffte Geniestreich, die den Erzähler von fantastisch surrealen Albtraum-Geschichten auf der zweidimensionalen Leinwand als Raumerfinder fürs Musiktheater outet. Vor einem großen Rundhorizont mit wolkendräuender Landschaft findet sich ein surreal hingeträumtes Umspannwerk, über das Lohengrin in eine andere Welt eintritt. Wenn die Blitze durch die Leitungen zucken, deutet alles auf Kraftzentrum für eine Erneuerung. Eine Verheißung aus der Zukunft? Für Menschen, für die Insektenflügel die Insignien von Macht sind? Hier wird beim Gottesgericht in luftiger Höhe fliegend gekämpft. Telramund wird dabei einen Flügel los. Lohengrin hängt die, die ihm verliehen wurden, erst in der Brautnacht (neben einem Ehebett aus den 60ern im orangenen Umspannhäuschen) an den Kleiderhaken.

Wenn Telramund und seine Ortrud im zweiten Akt ihre Gegenoffensive planen, machen sie das im diffusen Nebel hinter sich bewegendem Schilf und Elsa schaut aus dem Fenster eines Türmchens auf sie herab. Beim großen Aufmarsch der Truppen dann, die der König für seinen Krieg braucht, steht einer hinter der Staffelei und malt die erstarrte Szene mit dem posenden, detailverliebt à la Delfter Kachelblau kostümierten Chor. Auf dem Bild sieht man dann nur die Bühne ohne Menschen. Wenn das eine selbstironische Pointe des Maler-Ausstatters gewesen sein sollte, so bleibt sie an diesem Abend mutterseelenallein. Einen "richtigen" Schwan oder auch Elsas Bruder Gottfried gibt es hier nicht. Wenn am Ende ein altes grünes Männchen auftaucht, fallen die Brabanter alle um. Nur Elsa und Ortrud bleiben aufrecht. Immerhin.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 14:44:13
Letzte Änderung am 2018-07-26 16:59:43


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