• vom 27.07.2018, 16:33 Uhr

Bühne

Update: 27.07.2018, 16:59 Uhr

Opernkritik

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Von Joachim Lange

  • Der Nah-Ost-"Parsifal" von Regisseur Uwe Erik Laufenberg geht in sein drittes Jahr in Bayreuth.

"Parsifal" wird in Bayreuth nicht nur inszeniert, sondern auch gesungen: Elena Pankratova und Andreas Schager.

"Parsifal" wird in Bayreuth nicht nur inszeniert, sondern auch gesungen: Elena Pankratova und Andreas Schager.© Enrico Nawrath "Parsifal" wird in Bayreuth nicht nur inszeniert, sondern auch gesungen: Elena Pankratova und Andreas Schager.© Enrico Nawrath

Der "Parsifal" ist das dem Festspielhaus angemessenste Werk - der Grüne Hügel ist also sozusagen ganz bei sich, wenn es erklingt. In der positiven Hitliste der für das Haus geeigneten Werke steht es unbestritten auf dem ersten Platz. Bei der Premiere von Uwe Eric Laufenbergs Expedition in den Nahen Osten 2016 hatte sich Andris Nelsons die Chance entgehen lassen, das Ausnahmephänomen "Haus-für-ein-Werk" für sich zu überprüfen. So kam Hartmut Haenchen zu seinem (so überfälligen wie verspäteten) Hügeldebüt.

In diesem Jahr hat der Russe Semion Bychkov, der heuer auch in Wien etwa beim Jugendstil-Parsifal von Alvis Hermanis am Pult steht, im verdeckten Graben übernommen. Und überzeugt! Was auf der Bühne an szenischer Ambition in handfestem Theater mündet, beglaubigt er mit Energiedichte. Mit seinen Tempi (105 Minuten für den ersten Aufzug) fällt er nicht aus dem Rahmen, sondern trifft sicher das Maß, auf das der "Parsifal"-Freund mittlerweile so eingestellt ist.

Information

Oper
Parsifal
Von: Richard Wagner
Uwe Erik Laufenberg (Regie)
Semyon Bychkov (Dirigent)
Mit: Andreas Schager, Elena Pankratova, Günther Groissböck u.a.
Bayreuther Festspiele

Was aber den Raum erfüllt, wirkt dennoch verdichtet, aufgeladen, wie aus einem Guss. Und bereitet vor allem dem Parsifal Andreas Schager und der Kundry Elena Pankratova den Boden für emotionale Ausbrüche.

Vokaler Hochgenuss

Dass beide daraus manchmal bewusst eine kleine Show ihrer vokalen und darstellerischen Künste (bei "Amfortas! Die Wunde!" der eine und beim ". . . und lachte" die andere) machen - wer wollte ihnen das verübeln? Ein Parsifal in der Fülle seiner beachtlichen Möglichkeiten, der mit scheinbarer Mühelosigkeit an die Grenzen geht. Eine Kundry, die lodernd und leidend eine ambivalente Figur so ausschreitet - hier bietet Bayreuth genau das, was man dort zu Recht erwartet und in den letzten Jahren auch bekommt: gestaltend ausgeleuchteten vokalen Hochgenuss.

Ebenso spannend war der Wechsel des Österreichers Günther Groissböck vom (Luxus-)Titurel-Einspringer im letzten Jahr in die Rolle des Spielführers Gurnemanz. Hier liegt die Messlatte dank Georg Zeppenfeld ziemlich hoch. Aber Groissböck überspringt sie mühelos. Mit seiner kraftvollen und doch erzählerischen Eleganz, der glasklaren Diktion, die von einer (noch jugendnahen) Würde und gefassten Vitalität umweht ist. Eine Veränderung, die sofort auffällt und gefangen nimmt.

Regisseur vor Ort

Ein ebensolcher Glücksfall ist die Hügel-Wanderschaft des deutschen Baritons Thomas Johannes Mayer vom Telramund über den Holländer und Wanderer zum leidenden Graskönig Amfortas. Den rückt er jetzt mit aller Empathie stimmlich eindrucksvoll (in dieser Inszenierung ja auch mit vollem Körpereinsatz) ins rechte Licht. Derek Welton komplettiert diese Spitzenbesetzung als verzweifelt und entschlossen suchender Klingsor überzeugend. Dazu kommen die Schar der Gralshüter, Knappen und Zaubermädchen und die fabelhaft von Eberhard Friedrich einstudierten Chöre. Die Umbesetzungen funktionieren, weil ein Regisseur wie Laufenberg vor Ort ist und seine Interpretation frisch hält. Das provozierende Potenzial seiner Pointe, in der sozusagen das Licht der Aufklärung (das den Zuschauerraum am Ende tatsächlich flutet) zumindest die Möglichkeit einer Emanzipation der Menschheit von der Unterordnung unters Göttliche andeutet, führt zu ein paar pflichtschuldigen Buhs. Ansonsten: Jubel.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-27 16:41:24
Letzte Änderung am 2018-07-27 16:59:13


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