• vom 30.07.2018, 09:02 Uhr

Bühne

Update: 30.07.2018, 15:01 Uhr

Salzburger Festspiele

Kampfsport Liebe




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Von WZOnline, APA, Wolfgang Huber-Lang

  • Johan Simons Version von "Penthesilea" hat Anfangsschwierigkeiten, erntet aber kräftigen Applaus.

Sandra Hüller  als Penthesilea und Jens Harzer als Achilles.

Sandra Hüller  als Penthesilea und Jens Harzer als Achilles.© APA/BARBARA GINDL Sandra Hüller  als Penthesilea und Jens Harzer als Achilles.© APA/BARBARA GINDL

Salzburg. Sie liebten und sie schlugen sich. Für niemanden gilt das so sehr wie für Penthesilea und Achilles. In Kleists Tragödie "Penthesilea" sterben am Ende beide. Bei Johan Simons ist alles anders. Was am Sonntagabend als erste echte Schauspiel-Premiere der Salzburger Festspiele über die Bühne des Landestheaters ging, war ein Versuch. Ein Experiment, das erst nach Anlaufschwierigkeiten überzeugte.

Die leere Bühne von Johannes Schütz ist schwarz, ein grelles, entlang der Rampe am Boden verlaufendes Lichtband blendet, erst allmählich werden die beiden Darsteller sichtbar. Sandra Hüller und Jens Harzer tragen beide schwarze Röcke, sie dazu ein schwarzes Brustband, er ein schwarzes Leibchen und ein Halskettchen. Wie Sportler einer fremden asiatischen Kampfsportart umkreisen sie einander, tigern immer wieder nach hinten, in die Dunkelheit, nach vorne an die Rampe. Kommen einander näher, taxieren einander, testen spielerisch manche Griffe. Die Amazonenkönigin und der griechische Kriegsheld haben ihre Rüstungen und ihre Waffen zu Hause gelassen. Sie treten mit bloßen Händen, nackter Haut und geschliffener Sprache gegeneinander an.

Die von Vasco Boenisch für die Konstellation dieser beiden außergewöhnlichen Darsteller erstellte Zwei-Personen-Textfassung lässt alles Beiwerk und Gefolge, alle Amazonenfürstinnen, Hohepriesterinnen und Griechenkönige beiseite. Das hat zur Folge, dass nicht nur miteinander, sondern auch viel über einander geredet wird. In wechselnden, unklaren Konstellationen und Situationen, in erhitzten, übererregten Konfrontationen wird mal auf hart, mal auf zart gemacht. Ein Schattenboxen ohne rechtes Ziel. Der Zuschauer ertappt sich in der Rolle des Kampfrichters, der nicht nur Glaubwürdigkeit, Spielstil und Intensität miteinander vergleicht, sondern auch Bauchmuskeln (da hält Hüller erstaunlicherweise gut mit), Armmuskeln (leichte Vorteile für Harzer) und Operationsnarben (glattes Unentschieden). Glücklich wird man damit nicht. In den Zuschauerreihen knarren die Sitze in dieser Phase besonders laut.

Umschwung in der Mitte

Der Umschwung kommt etwa in der Mitte des knapp zweistündigen Abends. Endlich eine konkrete Situation, die entworfen wird: Achilles hat seine geliebte Gegnerin besiegt und hält die Ohnmächtige in seinem Schoß. Er beschließt, ihr seine eigene Niederlage vorzuspiegeln, um sie auszutricksen und sie für die Stimme ihres Herzens empfänglich zu machen. Ab hier gewinnt das Spiel minütlich Raffinesse und Intensität. Nur kurz zweifelt Penthesilea an Achills Darstellung der Geschehnisse, ehe sie ihren Triumph genießt und in der Erniedrigung des Mannes plötzlich mit ihm auf Augenhöhe landet.

Geradezu neckisch bietet Achill ihr seinen wundesten Punkt dar: seine Ferse. Penthesilea beißt spielerisch hinein, noch sind die Bisse so liebevoll wie Küsse. Es beginnt ein Necken und Herzen. Und für Momente scheint alles möglich. Gleichheit zwischen Mann und Frau. Friede auf Erden. Und was man sich sonst noch so wünschen mag. Doch dann siegt die männliche Eitelkeit. Dann will Achill nicht mehr verheimlichen, wer denn hier in Wahrheit wen besiegt hat. Und dann geht doch alles kurzfristig Errungene wieder buchstäblich vor die Hunde. Dass der Grieche nun den letzten Kampf vorsätzlich verlieren will, um sich den Amazonen zu unterwerfen, ist ein Plan, der nicht mehr aufgeht. "Dieses wunderbare Weib - halb Furie, halb Grazie", hat Achill bewundernd ausgerufen. Nun muss er lernen: Die Rache der gekränkten Frau ist fürchterlich.

Das tragische Ende dieser rasenden Liebe lässt Johan Simons zweimal vorne an der Rampe erzählen, einmal von ihr, einmal von ihm. Und beide Male hört man: "Verzeihst Du mir?" - "Von ganzem Herzen!" Am Ende ist die Liebe dann doch nur ein Spiel und kein Kampfsport. Und die Muskeln können ausgeschüttelt werden. Locker bleiben, bloß keinen Krampf riskieren!

Kräftiger Applaus

Am Ende gab es kräftigen Applaus, der für die Protagonisten deutlich stärker ausfiel als für den Regisseur. Bis 9. August ist "Penthesilea" im Salzburger Landestheater zu sehen, ab 10. November dann im koproduzierenden Schauspielhaus Bochum, dessen Leitung Johan Simons mit der kommenden Spielzeit übernimmt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-30 09:03:38
Letzte Änderung am 2018-07-30 15:01:10


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