• vom 30.07.2018, 14:44 Uhr

Bühne

Update: 30.07.2018, 15:01 Uhr

Theaterkritik

Körper von Gewicht




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Von Petra Paterno

  • Johan Simons eröffnet das Salzburger Schauspielprogramm mit "Penthesilea" als Zweikampf.


© Monika Rittershaus © Monika Rittershaus

Dafür, dass Kleists Trauerspiel "Penthesilea" als unspielbar gilt, weil es über weite Strecken aus Botenberichten besteht, wird es recht häufig angesetzt. Auffallend ist dabei eine Tendenz zur Verdichtung. Das Gegenwartstheater arbeitet sich offenbar am Kleist-Destillat ab. Das Stück, angesiedelt im Trojanischen Krieg, sieht neun Protagonisten vor, umgeben von Heerscharen der Griechen und Amazonen. 2005 bewies Stephan Kimmig, ebenfalls bei den Salzburger Festspielen, dass man genauso gut mit fünf Personen auskommt, 2016 reduzierte Michael Thalheimer das Figurenarsenal noch einmal auf drei. Diese Versuchsanordnungen toppt Johan Simons nun bei den diesjährigen Festspielen: Sandra Hüller und Jens Harzer stürzen sich zwei Stunden lang vollkommen auf sich gestellt in die Kampfzone der Geschlechter.

Gender-Pas-de-deux

Information

Theater

Penthesilea

Johan Simons (Regie)

Mit Sandra Hüller, Jens Harzer

Landestheater, Wh.: bis 9. August

Die Bühne von Johannes Schütz ist komplett leer und bleibt die ganze Zeit über nachtschwarz, ein gleißender Lichtstreifen an der Rampe erhellt die Figuren, wenn sie vorne sind, im Bühnenhintergrund erkennt man sie nur schemenhaft.

Die Inszenierung beginnt wie ein Aufwärmtraining: Hüller und Harzer laufen über die Bühne, werfen einander Worte zu. Schließlich stehen sie nebeneinander, atemlos, und sehen aus wie Zwillinge: Sie tragen dieselben schwarzen bodenlangen Röcke, nur einen kleinen Unterschied erlaubt Kostümbildnerin Nina von Mechow: Hüller trägt Brust-Bandeau, Harzer Unterhemd. Erste Annäherungen als fein ziselierte Choreografie von Nähe und Distanz: Hüller schnuppert einen Wimpernschlag lang an Harzers Schulter, um sofort wieder abzurücken; er drückt sie zu Boden, worauf sie sich hell auflachend aus dem Griff befreit und im Abgehen sein Hinterteil tätschelt. Bei diesem Pas de deux steht ganz klar Gender-Philosophin Judith Butler Pate.

"Penthesilea" wird hier zu einem Experimentierfeld über die Elastizität von Geschlechterrollen. Ein Spiel zwischen ebenbürtigen Partnern, die andere Rollenbilder anstreben, aber nicht wissen, wie sie dahin gelangen, zu stark sind sie noch in den jeweiligen gesellschaftlichen Zuordnungen verhaftet. Die Amazonenkönigin muss ihren Mann im Kampf erobern und als Gefangenen abschleppen, das ist sie den Gesetzen des Frauenstaates schuldig. Und der griechische Superheld Achilles sieht in einer Frau traditionsgemäß nur die Beute. Etwas anderes als Unterwerfung scheint zwar nicht denkbar, wird im Bühnenspiel aber sachte erprobt: Jeder macht sich im Lauf der Handlung zum Lustobjekt des anderen, begibt sich auf alle viere, kniet vor dem anderen, einmal lüftet Sandra Hüller kurz den Rock, aber vollkommen entblößt bietet sich einen Moment lang nur Jens Harzer an. Je aussichtsloser ein glückliches Ende auf der Textebene erscheint, desto inniger agieren die Akteure. Am Ende des Stücks, wenn Penthesilea Achilles buchstäblich zerfleischt, halten sie sich eng umschlungen.

Im Gegensatz zu diesem entschiedenen und ausdruckstarken körperlichen Spiel fällt der Umgang mit Kleists Sprache - und das ist auch schon der einzige Einwand gegen die Aufführung - etwas unentschlossen aus. Einzelne Passagen werden mehrmals wiederholt, mitunter wird gegen den Reim artikuliert, man versucht sich sogar im Stottern und Rappen, um plötzlich wieder unvermutet in lupenreine Theaterdiktion zu kippen. Diese partiellen Abweichungen von Kleists Klarheit wirken etwas halbherzig.

Wer sind Männer und Frauen? Was bedeuten die Geschlechter einander? Diese Frage stellte Kleist bereits 1808, auch Johan Simons weiß darauf keine letztgültige Antwort, aber seine Inszenierung entwirft eine luzide These: Das Paar ist unrettbar, aber jeden Versuch wert.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-30 14:53:17
Letzte Änderung am 2018-07-30 15:01:37


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