Heuer reifer: Katharina Wagners Regie von "Tristan und Isolde", mit Stephen Gould und Petra Lang. - © Nawrath/Bayreuther Festspiele
Heuer reifer: Katharina Wagners Regie von "Tristan und Isolde", mit Stephen Gould und Petra Lang. - © Nawrath/Bayreuther Festspiele

Für Barrie Kosky war die Wiederaufnahme seiner "Meistersinger" aus dem Vorjahr ein Triumph. Katharina Wagner dürfte sich dagegen im dritten Jahr an die vernehmlichen Gegenstimmen zu ihrem "Tristan" gewöhnt haben. Dabei kommt ihr ein Effekt zugute, der sich in Bayreuth öfter beobachten lässt: Die Inszenierung hat bei der Wiederaufnahme den Überraschungseffekt verloren, wirkt aber gereift. Außerdem waren Stephen Gould und Petra Lang in den Titelpartien in Hochform, und das zweite Paar, also Kurwenal (Iain Paterson) und Brangäne (Christa Mayer), rangierte nicht knapp dahinter, sondern eher noch kurz davor.

Christian Thielemann triumphierte - natürlich - nicht nur als hochsouveräner Sachwalter von Richard Wagners Entgrenzungsmusik, sondern hatte sich heuer mit der "Lohengrin"-Premiere zwei Tage vorher offenbar selbst in die Wagner-Trance versetzt, die er wie kein Zweiter zu zelebrieren vermag. Der "Tristan" wirkte nun orchestral wie auch vokal stimmig. Und szenisch? Man mag seine Probleme mit dem Gefängnishof des zweiten Aufzugs haben, aber das Labyrinth des ersten und die konzentrierende Dunkelheit des dritten haben an Wirkung gewonnen.

Das Gewaltpotenzial im scheinbar Gewohnten

Den ersten Lacher bei den "Meistersingern" gab es bei einem tagebuchartigen Bericht aus dem Leben Richard Wagners in Bayreuth: Draußen würden gerade 23 Grad herrschen. Gelacht wurde noch öfter. Kosky hat eine quicklebendige Komödie mit politischen Verweisen inszeniert. Den Rahmen bildet der Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, die Juden-Klischees der Nazis tauchen als bittere Pointe in der Prügelfuge auf. Die Realität des Vorjahres hat der Brisanz dieser Regie noch zugearbeitet. Die Suche nach dem Gewaltpotenzial im scheinbar Gewohnten ist keineswegs obsolet, sondern deutlich (aber nicht überdeutlich) in diese Komödie eingewoben.

Neben diesem Kostümfest, das auch Alt-Wagnerianern das Herz höher schlagen lässt, sind Koskys "Meistersinger" aber vor allem ein Lehrbeispiel für eine meisterhafte Personenregie. Für das "Lohengrin"-Team wäre dieser ausgesprochen unterhaltsame Abend mit politischem Rahmen eine Weiterbildungsveranstaltung.

Begnadete Sängerdarsteller
für die "Meistersinger"

Wobei er natürlich auch begnadete Sängerdarsteller zur Verfügung hat. Klaus Florian Vogt kommt als Walther von Stolzing zwar immer ein bisserl brav rüber, ist aber fürs "schöne" Singen zuständig und wird dafür vom Publikum gefeiert. Dass diesmal die Temperaturen allen zu schaffen machten (aber nur im Zuschauerraum und auf der Bühne niemand aufgeben musste), ist geschenkt. Michael Volle erwies sich erneut als großformatiger Sachs, ohne dass die Attitüde eines Wagner-Alter-Egos dabei aufgesetzt wirken würde. In der vitalen Ausformulierung seines Rollenporträts geht er ebenso wie Johannes Martin Kränzle als Gegenspieler Sixtus Beckmesser oft an die gestalterischen Grenzen dessen, was möglich ist. Und wenn sie diese überschreiten, dann passt auch das! Am Ende jedenfalls plädiert Sachs überzeugend und konsensfähig für die Kunst. So wie es Philippe Jordan im Graben wieder den ganzen Abend über gelingt.