Auf Stelzen stolziert ein Tänzer über die leere Bühne des Odeons, sein hoch erhobenes Haupt schützt er mit einem Motorradhelm. Seine Tanzpartnerin trägt Tutu, Motorradschuhe und ebenfalls Helm. Jean-Paul Lespagnards Kostüme sind enigmatisch: Stattet der Designer Außerirdische aus, Cyborgs, Fabelwesen 2.0? Auch das Bewegungsvokabular des energetischen Pas de deux ist überaus assoziativ. Ein Vexierspiel zwischen Anziehung und Abstoßung entfaltet sich, an dem man sich nicht sattsehen kann. Bald bricht ein erbitterter Kampf um die Stelzen aus. Krieg der Helme. Die Performer Vania Rovisco und Márcio Kerber Canabarro agieren dabei mit berückender Präzision. Nach etwa 15 Minuten ist ihr Auftritt auch schon wieder vorüber.

Das Duett "Inflamável" entwickelte sich aus dem Tanzstück "The Greatest Show on Earth" und bildet nun einen Akt von "Solos and duets". Die insgesamt fünf Akte, uraufgeführt im Rahmen von Impuls Tanz, vereinen zwei Duette und drei Solos, herausgeschält aus bereits bestehenden Arbeiten der US-amerikanischen Choreografin Meg Stuart und ihrer belgischen Tanzkompanie Damaged Goods.

Befreite Gesten

In der Gesamtschau liefert der 75-minütige Abend einen guten Einblick in das umfangreiche Oeuvre der 53-jährigen Künstlerin, die seit den 1990er Jahren den zeitgenössischen Tanz vorantreibt und regelmäßig bei Impuls Tanz gastierte. Bei ihren Versuchen, das Gebiet für den Tanz neu abzustecken, dreht sich vieles um die Verletzlichkeit des Körpers.

"Es wird da interessant, wenn die Bewegung ihre Bedeutung verliert", umreißt Stuart ihren Ansatz in einem Interview im Programmheft. Der Bedeutungsverlust entsteht für Stuart immer dann, wenn man sich außerhalb vorgefertigter Muster bewegt.

Ein gutes Beispiel dafür ist an diesem Abend wohl das Solo "Signs of Affection", bei dem Márcio Kerber Canabarro zu einem Schlagzeugsolo von Brendan Dougherty Kopf und Hände immer heftiger schüttelt. Headbanging bis zum Exzess.

Höhepunkt des Abends ist schließlich das Finale, ein Duett aus "Until Your Hearts Stop". Die Tänzerinnen Maria F. Scaroni und Claire Vivianne Sobottke sind dabei die ganze Zeit über unbekleidet und entfachen ein überaus gewitztes und hintersinniges Körperspiel rund um die Inszenierung von Weiblichkeit. Mehr davon.