• vom 06.08.2018, 14:48 Uhr

Bühne

Update: 06.08.2018, 16:54 Uhr

Theaterkritik

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Von Petra Paterno

  • Frank Castorf arbeitet sich auf der Perner-Insel grandios an Knut Hamsuns Roman "Hunger" ab.

Essen oder Nicht-Essen? Josef Ostendorf, Sophie Rois und Marc Hosemann bei McDonalds.

Essen oder Nicht-Essen? Josef Ostendorf, Sophie Rois und Marc Hosemann bei McDonalds.© apa/B. Gindl Essen oder Nicht-Essen? Josef Ostendorf, Sophie Rois und Marc Hosemann bei McDonalds.© apa/B. Gindl

"Swastika" ist das erste Wort, das an diesem Abend fällt. Swastika benennt jenes jahrtausendealte religiöse Symbol, das die Nationalsozialisten zum Hakenkreuz entstellten. Der Schauspieler Marc Hosemann brüllt das Wort ein ums andere Mal, wie von der Tarantel gestochen tigert er über die Bühne.

Nach dem stürmischen "Swastika"-Prolog nimmt "Hunger", Frank Castorfs jüngste Inszenierung, auf der Halleiner Perner-Insel Fahrt auf. Der Akteur Josef Ostendorf rezitiert die berühmten ersten Sätze aus Knut Hamsuns Roman "Hunger" (1890): "Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet ist." Später tauchen unvermutet Zitate aus Hamsuns "Mysterien" (1892) auf. Castorf bezieht sich auf die beiden Frühwerke des norwegischen Schriftstellers, die dessen Weltruhm begründeten.

Information

Theater
Hunger
Perner-Insel, Hallein
Wh. bis: 20. Aug.

Dichter der Traurigen

Im autobiografisch geprägten Roman "Hunger" verhandelt Hamsun den von extremer Unterernährung grundierten Überlebenskampf eines Nachwuchsautors; in "Mysterien" hebt ein wohlhabender Sonderling in gelbem Anzug eine Kleinstadt aus den Angeln. Chaos pur. Was die beiden Romane (und Protagonisten) eint, sind quälende Selbstreflexion und profunder Weltekel, der an Nietzsches Übermenschen denken lässt - mit einem Wort: ideales Spielmaterial für das gewitzte achtköpfige Castorf-Ensemble. Kathrin Angerer und Sophie Rois begeistern einmal mehr als glamouröses Duo infernale in High Heels, herrliches komödiantisches Talent beweisen sie in einer Szene, in der sie Norwegisch - oder was die beiden dafür halten - parlieren. Berückend auch das "Mama help me"-Duett von Daniel Zillmann und Josef Ostendorf, die in goldenem Anzug den Edie-Brickell-New-Bohemian-Hit zum Besten geben. Grandios auch die Vorstellung von Marc Hosemann, der in einem Anfall von Auto-Kannibalismus an seinem Zeigefinger nagt und sich an Theaterblut verschluckt.

"Alle, die am Leben kranken, lieben Hamsun." Es war Alfred Polgar, der die dunkle Faszination des Norwegers auf den Punkt brachte: Hamsun sei "ein Dichter der Traurigen, der Wehrlosen und Überempfindlichen, der ohnmächtigen Schwärmer und ohnmächtigen Verzweifler". Der nationale Dichterfürst und Literaturnobelpreisträger war aber auch bekennender Nazi, der sich hinreißen ließ, in Briefen die Konzentrationslager zu verteidigen. Der Poet als Problemfall. Hamsuns Ambivalenzen und Abgründe bieten Castorf eine ideale Reibefläche für dessen Theatererfindungen. Auf den ersten Blick mag das Bühnenbild von Aleksandar Denić - einstöckiges Holzhaus auf Drehbühne samt Videoleinwand und altertümlichem Strommast - wie die allzu vertraute Wunderkammer à la Castorf wirken. Bei näherer Betrachtung erweist sich das Setting allerdings als überaus durchdachte Zeitreise.

Denić hat das düstere Fin-de-siècle-Pfandhaus, in dem der Hungerkünstler sein Hab und Gut für ein Stück Brot versetzt, auf der Rückseite eines neonhellen McDonald’s-Tempels eingerichtet, in dem Essensreste bergeweise im Müll landen, der Notleidende aber keinen Bissen abbekommt. Die Not geht mit der Zeit. Das Bühnengebilde ist zudem gespickt mit Anspielungen auf die NS-Zeit - angefangen von der Hausnummer 88 und Postern der faschistisch-norwegischen Partei Nasjonal Samling und deren "Führer" Vidkun Quisling bis zu "Pervitin"-Werbeplakaten, Hitlers "Wunderpille", die den Wehrmachtssoldaten tonnenweise verabreicht wurde.

In diesem Darkroom des 20. Jahrhunderts stöckelt und trampelt, rennt und turnt das Ensemble, verfolgt von Kameraleuten, sechs lange Stunden, um Wahnsinn und Aberwitz aus Hamsuns zeitlosem Frühwerk erfahrbar zu machen. Bei Castorfs Bühnenexerzitien gehören Überforderung und Überanstrengung notwendig dazu, am Premierenabend zusätzlich durch drückende Hitze in der weitläufigen Halle verschärft. Ein Theaterkraftakt, auf der Bühne wie im Zuschauerraum. Monumentale Untergangslust im Ideentheater.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-06 14:59:25
Letzte Änderung am 2018-08-06 16:54:25


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