• vom 09.08.2018, 12:07 Uhr

Bühne

Update: 09.08.2018, 12:22 Uhr

Theaterkritik

Kampf gegen Windmühlen




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Von Petra Paterno

  • Samuel Finzi verzettelt sich in David Grossmans "Kommt ein Pferd in die Bar".

Wenn die Psyche in Schieflage gerät: Samuel Finzi und Mavie Hörbiger.

Wenn die Psyche in Schieflage gerät: Samuel Finzi und Mavie Hörbiger.© Salzburger Festspiele/Bernd Uhlig Wenn die Psyche in Schieflage gerät: Samuel Finzi und Mavie Hörbiger.© Salzburger Festspiele/Bernd Uhlig

Während das Publikum die Plätze im Republic einnimmt, einer Nebenspielstätte der Salzburger Festspiele, erklingt Barmusik. "Que será, será". Am Bühnenrand steht ein Pianino ohne Verschalung, man blickt in das Innenleben, die nackte Mechanik, symptomatisch für die bevorstehende Innenschau des Stand-up-Comedian Dov Grinstein aus David Grossmans Roman "Kommt ein Pferd in die Bar". Samuel Finzi verkörpert diesen Don Quichote der Unterhaltungsbranche. Er steckt in einem silbergrauen Anzug, trägt Sonnenbrille und Faschingsdiadem, anfangs singt er sich durch Barfly-Klassiker, wie um sich einzustimmen auf die kommende Arie in Moll. Schließlich durchläuft der auch aus Film und Fernsehen bekannte Schauspieler knapp drei Stunden lang eine darstellerische Tour de Force.

2014 veröffentlichte David Grossman, einer der bekanntesten israelischen Autoren und Friedensaktivisten, den Roman "Kommt ein Pferd in die Bar". In seinem Heimatland wurde das Werk kontrovers aufgenommen. Der 64-Jährige verknüpft darin nämlich auf verstörende Weise die Biografie eines abgehalfterten Komikers mit der Shoah und einer deutlichen Kritik an der blutigen Geschichte des Staates Israel. International trat das unbequeme Buch indes einen Siegeszug an und Grossman wurde als erster israelischer Autor mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet.

Information

Theater

Kommt ein Pferd in die Bar

Von David Grossman

Dušan David Parížek (Regie)

Mit: Samuel Finzi, Mavie Hörbiger

Salzburger Festspiele im Republic

Wh.: Bis 23. Aug.

Innerer Erdrutsch

Im Rahmen der Salzburger Festspiele bringt Regisseur Dušan David Parížek das Buch nun erstmals auf die Bühne, die Aufführung eröffnet im September auch die Spielzeit am Wiener Akademietheater.

Die Dramatisierung ist ein naheliegender Gedanke. Genaugenommen gibt der Roman den letzten Bühnenauftritt des Alleinunterhalters Dovele G. wieder, der sich zu einer Lebensbeichte auswächst. Grossman sieht drei Protagonisten vor: Grinstein lädt einen Jugendfreund ein, der die Bühnenshow kommentiert und ergänzt. Parížek hat in seiner Bühnenfassung diesen zentralen Gegenspieler ersatzlos gestrichen. Erstaunlicherweise fällt das nicht weiter ins Gewicht. Noch eine weitere Person aus den Kindertagen des Künstlers findet sich im Buch, eine kleinwüchsige, etwas enigmatische Figur namens Pitz. Mit ihrem Ausruf "Du warst doch ein guter Junge" stört sie einmal die Show und löst damit gleichsam einen inneren Erdrutsch aus, der Performer entgleist zusehends, driftet in die Abgründe seiner Lebensgeschichte ab. Diese Figur behält Parížek und gibt ihr sogar noch mehr Spielraum als in der Vorlage. Seine Absicht ist deutlich: Er wollte der männlichen Untergangslust ein weibliches Hoffnungsprinzip entgegensetzen. Leider zündet die Idee nicht wirklich. Mavie Hörbiger stellt Pitz als etwas minderbemittelte clowneske Figur dar, die im übergroßen Anzug über die Bühne trippelt.

Vielleicht wäre es überzeugender gewesen, den Abend ganz als Monolog einzurichten? Die Aufführung ist nämlich immer dann am stärksten, wenn Finzi sich einfach auf den Text besinnt und diesen mit beunruhigender Intensität darbietet. Das gelingt ihm am Anfang, als er das Publikum nach allen Regeln der Kunst beschimpft und mit schlechten Witzen zu unterhalten vermag. Und das glückt noch einmal am Ende, wenn es um die Fahrt zur Beerdigung eines Elternteils geht und Finzi Schicht um Schicht freilegt, wie sehr die Kindheit des Protagonisten von der Shoah überschattet war. Grinsteins Eltern waren polnische Juden, die als Einzige ihrer Familien den Holocaust überlebt haben. Das Trauma der Eltern lebt im Sohn weiter - ein unausgesprochener Schrecken, der sich auf der Bühne Bahn bricht. Doch dazwischen hängt der Abend auch ziemlich durch. Finzi verzettelt sich, jagt mit viel zu viel Stadttheateranstrengung über die weitgehend leere Bühne, nestelt an der Videokamera herum und verliert sich im eher unfreiwillig komischen Intermezzo mit Hörbiger als Pitz. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 12:17:29
Letzte Änderung am 2018-08-09 12:22:00


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