• vom 16.08.2018, 16:38 Uhr

Bühne

Update: 16.08.2018, 16:53 Uhr

Opernkritik

Aus einem Schneckenhaus




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Von Christoph Irrgeher

  • Große Momente: Uraufführung von Thomas Larchers Oper "Das Jagdgewehr" bei den Bregenzer Festspielen.

Die Leidenschaften lodern vor allem in der Musik: Olivia Vermeulen (Saiko) und Andrè Schuen (Josuke). - © Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

Die Leidenschaften lodern vor allem in der Musik: Olivia Vermeulen (Saiko) und Andrè Schuen (Josuke). © Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

Es gibt Geschichten, die lassen sich fast so einfach auf eine Bühne stellen wie ein Fertigteilhaus auf eine grüne Wiese. Thomas Larcher, der 54-jährige Tonsetzer aus Tirol, hat es sich für sein Operndebüt aber nicht leicht gemacht - und den Briefroman "Das Jagdgewehr" gewählt. Die Novelle des Japaners Yasushi Inoue (1949) schildert keine geradlinige Geschichte, sondern ein ziseliertes Beziehungsgeflecht. Jedes der drei Kapitel - allesamt Abschiedsbriefe an einen Mann namens Josuke - ist eine neue Schicht in dieser Textur.

Da ist erst das Schreiben der jungen Shoko: Ihre Mutter hat Selbstmord begangen, und Shoko im Stillen ein dunkles Geheimnis entdeckt: Die Verstorbene hatte eine Affäre mit Josuke, einem Freund der Familie. Schockiert darüber, sagt Shoko diesem "Onkel" Adieu. Doch nicht nur sie kehrt ihm den Rücken, auch Josukes Ehefrau. Midori heißt sie und wusste im Stillen schon lange von der Affäre. Mehr als zehn Jahre hat sie geschwiegen - bis zu jenem Tag, an dem sie ihr Wissen dann doch der Konkurrentin enthüllte. Es folgte der Suizid. War das der Grund dafür? Mitnichten: Saiko, so heißt die Tote, enthüllt in ihrem Abschiedsbrief Überraschendes. Was sie in den Abgrund riss, war die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit ihres Ex-Mannes. Diese endgültige Liebesabkehr konnte sie nicht verwinden. Es weht ein Hauch von Einsamkeit, schneekalter Stille durch dieses Buch, verdichtet im Symbol des Jagdgewehrs. Der verlassene Josuke trägt es bei seinen Waldstreifzügen am Rücken.

Information

Oper

Das Jagdgewehr

Bregenzer Festspiele

Werkstattbühne Wh.: 17. und 18. Augus

Oratorium der Isolierten

Wie bringt man diese Schneckenhausbewohner nun auf die Bühne? Wie lässt sich eine Geschichte erzählen, die sich erst aus der Überblendung dreier Blickwinkel erschließt? Friederike Gösweiner hat das Libretto für die Bregenzer Festspiele geschrieben, und sie bricht die Brief-Struktur auf: Ihr Textbuch dichtet keinen Satz hinzu, bringt die ausgewählten Passagen aber in eine chronologische Reihenfolge: Die Geschichte läuft nun bühnenfreundlich von Anfang bis Ende ab, bald von Shoko, Midori oder Saiko geschildert.

Was der Opernkonvention aber doch zuwiderläuft: Es findet hier nicht wirklich Handlung statt, meist wird sie nur erzählt. Das sorgt auf der Bregenzer Werkstattbühne für einen Mangel an Aktion. Die Sänger schildern die Begebenheiten oft nur kurz und stellen sie dar, dann driften sie in Grübeleien ab, igeln sich in ihrer Beobachterrolle ein, schreiten einsam über die stilisierte Bühne (Katharina Wöppermann), hinter der eine Leinwand Naturschönheiten preisgibt. Stimmt zwar: Diese Distanziertheit passt zum Tonfall des "Jagdgewehrs". 100 Opernminuten, fast ohne das Salz der Interaktion, sind aber eine karge Kost. Fallweise mag man dies ein Oratorium der Isolation nennen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 16:47:38
Letzte Änderung am 2018-08-16 16:53:17


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