Gewunden wie Ganglien im Hirn der Weg, 1000 Meter lang, über Beton, Bretter, Mulch, Sand und einen Lianendschungel hindurch im "Theater im Bunker" in Mödling. Ein passender, weil metaphorischer Raum. Denn Karl May hinterließ in seinen Abenteuerromanen die unbestritten gigantischste Kopfgeburt der deutschen Literatur. Aus der Enge einer sächsischen Provinzstadt fantasierte er sich in die amerikanischen Rockys und in arabische Wüsten, in Schluchten des Balkans und ins Land "Märdistan", in das sich nur Männer wagen dürfen - Männer wie Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, beide Masken des nämlichen May. "Die erschwindelten Lebensreisen des Zuchthäuslers Karl May" lässt Autor und Regisseur Bruno Max von fünfzig Darstellern nacherzählen. Übertitel seiner wundersamen Schul- und Märchenstunde: "Karl MayBe. Mit Schmetterhand und Silberbüchse."

Die Vita unseres "Karl Könnte-sein", 1842 bis 1912, ist penibel durchleuchtet. Auch von Verehrern aus der Literatur wie Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Josef Winklers jüngstes autobiografisches Buch ("Winnetou, Abel und ich") nennt die Karl-May-Lektüre eine Schule seines Lebens. Im Stationendrama unter Tage wird nichts verschwiegen - nicht Kindernot, Brutalität der Erzieher, Vorstrafen, Hochstapeleien, Hinweise auf Homosexualität, unklare eheliche Verhältnisse.

In diese Chronique scandaleuse drängt sich als Gegenmacht heilsamer Erfindungsgeist. Old Shatterhand rauft mit Häuptling Großer Wolf ums Leben und schließt mit Winnetou Blutsbrüderschaft, der Kauz Sam Hawkens erklärt dem Deutschen den Wilden Westen, Hadschi Halef Omar lenkt Kara Ben Nemsi durch Ägypten. Karl May tritt in sechs Lebensaltern auf - ein Bub und fünf Schauspieler. Der Traum aller gedemütigten Kinder wird wahr, wenn ein Indianerpfeil aus dem Nichts einen Quälgeist Karl Mays niederstreckt.

Anfang und Ende des 85-Minuten-Dramas: Wien, Sofiensaal, 1912. Altersweise war Karl May von den Abenteuerromanen ins symbolistisch-pazifistische Fach gewechselt. Bertha von Suttner sitzt im Publikum beim Vortrag "Empor ins Reich der Edelmenschen". Klingt heute grausig nach Rassenlehre, war aber ein Friedensappell. Nur ein kecker Autogrammjäger kapierte nichts: Adolf Hitler, damals 20, bei seinem bewunderten Idol Karl May? Das schreiben Wollschläger und Brigitte Hamann, doch ist die Quelle, ein Prager Zeitungsartikel, umstritten. Fakt aber ist die Reportage von Egon Erwin Kisch aus Radebeul. Wo Karl May eine Woche nach seinem Wiener Triumph starb.

Karl May hatte seine Wunschwelt, wo zuletzt das Gute über das Böse siegt, im Kopf. Markus Ganser baute in Passagen und Nischen Bilder von Frauenelend an Webstühlen, Schulmuff, Polizeigewalt, Gerichtssaalkälte. Dazwischen wuchert bunter Eskapismus mit Kakteen in westlichen Wüsten und orientalischem Pluderhosenpomp (Kostüme: Alexandra Fitzinger). Bei 10 Grad Temperatur durch wandern Gruppen zu 20 das Literaturdenkmal. Und ahnen danach: Kompensatorische Fantasien können auch Beton sprengen.