"Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang", hat Rainer Maria Rilke einmal geschrieben. Er hat das zwar in Bezug auf Engel gedichtet. Der Satz lässt sich aber auch auf den Gott Dionysos münzen. Man darf sich diesen Patron des Rausches nicht als gemütliches Pendant zur Wiener Reblaus vorstellen. Dionysos’ Feste sind gemeingefährlich: Die Ekstase lässt die Kruste der Zivilisation reißen - und wirft den Menschen zurück auf seinen animalischen Kern.

Hans Werner Henzes Oper "Die Bassariden" (basierend auf Euripides’ "Bakchen") setzt dem Orgienmeister ein dunkles Denkmal: Dionysos nützt seine Kraft hier als Vergeltungswaffe. Die Mächtigen von Theben halten ihn, den Gott, für ein Ammenmärchen, nennen seine Mutter eine Lügnerin; sie glauben nicht, dass Zeus persönlich vom Olymp herabstieg, die Thebenerin Semele geschwängert hat und diese dann an einer göttlichen Intrige starb. Doch die Geschichte ist wahr, und Dionysos wird es blutig beweisen. Schon bald wird er Theben in einen Strudel der Wolllust und Vernichtung reißen und auch König Pentheus töten. Mit dessen Mutter hat er noch ein Hühnchen zu rupfen: Sie war die Schwester von Semele - und dieser nicht wohl gesinnt.

Der Muttibub muss sterben

1966 sind Henzes "Bassariden" bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt worden - nun sind sie dorthin zurückgekehrt. Veraltet wirkt die Gräuelgeschichte nicht. Die Angst vor irrationalen Kräften, die die Säulen der Zivilisation fällen, lebt weiter - und ist noch größer geworden angesichts der Populisten, die den Volkszorn im "postfaktischen" Zeitalter anheizen.

Es wäre somit ein Leichtes gewesen, diese Salzburg-Premiere (nun mit dem englischen Original-Libretto und dem Titel "The Bassarids") auf Politik zu trimmen und eine Art Donald Dionysos auf Theben loszulassen. Ein Glück, dass Krzysztof Warlikowski es nicht getan hat: Ein dicker Moralzeigefinger weist oft an entscheidenden Qualitäten eines Werks vorbei. Warlikowski ist um eine seelische Deutung bemüht. Małgorzata Szcześniak hat ihm die Breitwandbühne der Felsenreitschule mit drei Räumen vollgestellt. Ganz rechts: Ein Schlafzimmer, in dem Pentheus zu Beginn ein Luftbussi seiner Mama zufliegt. Er scheint ein rechter Muttibub zu sein, außerdem besitzt er ein zugeknöpftes Gemüt: Am liebsten trägt er eine dicke Daunenjacke.