• vom 19.08.2018, 15:33 Uhr

Bühne

Update: 19.08.2018, 15:42 Uhr

Salzburger Festspiele

Schreiten im endlosen Dreh




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Von Hans Haider

  • "Die Perser" von Aischylos bei den Salzburger Festspielen im Landestheater.

Der Männerchor, Darsteller der Boten und der Armee des Xerxes. - © APAweb Barbara Gindl

Der Männerchor, Darsteller der Boten und der Armee des Xerxes. © APAweb Barbara Gindl

Neunzig Minuten reichten Michael Thalheimer für Aischylos’ Nachspiel nach den von König Xerxes verlorenen Schlachten von Salamis und Plataiai 480/89 v. Chr. Das Akademietheater behält seine "Perser" als routiniert intimes Vater-Mutter-Kind-Trauerspiel noch im Angebot. Denselben Text von Durs Grünbein, 2001, mehr eine Nacherzählung als Nachdichtung, dehnt der deutsche Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche, 49, im Salzburger Landestheater auf vier Stunden mit einer Gnadenpause. Denn in den Liedern und Dialogen werden in die Wörter und Silben der Chor- und Solistenstrophen wie in endlosen Litaneien Zwangspausen gezwängt.

Dieses rhythmische Sprechen zum Takt der famosen Trommlerin Špela Mastnak simuliert die Mechanik altgriechischer Versmaße. Katja Bürkle (Ältestenchor), Valery Tscheplanowa (ebenfalls, auch Dareios’ Geist) und Patrycia Ziolkowska (Königsmutter Atossa) schreien sie so laut – als müsste sie, wie anno 472, 5000 Athenern auf den Treppenstufen im Dreiviertelrund um den Orchestra-Kreis am Südhang der Akropolis Schrecken und Schauder einjagen. Für viele Zuschauer mehr Nervenprobe als Ohrenstrapaz (Schutzstöpsel gratis).

Ulrich Rasche, für seine Liebe zu Maschinen und bei Bob Wilson geübtes ritualisiertes Sprechen bekannt, nutzte das große Salzburger Festspielgeld und Frankfurt als Koproduzent zu einem so überraschenden wie einleuchtenden Versuch, Anfänge der europäischen Theaterkunst mit heutiger Technik nachzuzeichnen. Seit der Renaissance ist das ein Thema für Gelehrte; ihre nachhaltigste Erfindung: die italienische Oper. Das Helmer-Fellner-Haus an der Salzach mag oft radikale Experimente in seinem Plüschrot und Talmiglanz ersticken. Doch diesmal kam das Dreiviertel-Logenrund gelegen. Mittendrinnen baute Rasche wie einen Helikopter-Landeplatz seine kreisrunde Orchestra auf: ein Plateau aus Stahl, mit einem Kern, der sich den ganzen Abend lang gegen den Uhrzeiger dreht.

Die drei Solistinnen (in Attika spielten nur Männer) müssen darauf ohn’ Unterlass stilvoll schreiten, schreiten, schreiten. Wie Mäuse im Laufrad, doch synkopisch langsam. Modern Times! Kein Augenblick Stillstand. Solch feierlich-rhythmisches Vorangehen nährte schon den suggestiven Zauber in der Antike. Genauso betören die drei ranken Damen in eng anliegenden schwarzen langen Kleidern (Chitons wie aus der japanischen Haute Couture von Sara Schwartz) – freilich nicht jeden Gast im Saal gleich ausdauernd. Ihr Verse-Scandando zu Generatorsound und manchmal süßer Bratsche (Musik: Ari Benjamin Meyers) rauscht mit der Zeit trotz manchem Accelerando wie automatisiert durch den Zuhörerkopf und hinterlässt dort mit der Zeit weniger Spuren.

Zurück auf die Bühne. Auch dort eine Drehscheibe, die alle Stückeln spielt: Vor- und Rücklauf, in die Schräge kippbar. Ein Meer, durch das sich Ruderknechte plagen, ein Schlachtfeld im Stroboskopgewitter, ein Eisgebirge, über das Überlebende sich heim nach Susa schleppen. Schon Aischylos nutzte als sein eigener Regisseur bewegliche Aufbauten über der Orchestra ("Theologeion") sowie herbeigerollte Nebenbühnen ("Ekkyklema").

Solche Wiederbelebungen blieben freilich nur Gaudi der klassischen Altertumswissenschaften ohne Rasches kühnen politischen Dreh im Text. "Die Perser" werden der Gräuelbeschreibungen wegen gerne als Antikriegsstück verstanden, sowie als humanes Beispiel dafür, wie ein Feind von gestern die Schmerzen der Besiegten mitzufühlen bereit ist. Rasche arbeitet Aischylos’ Doppelbotschaft heraus. Den Athenern pries er den Vorteil der Demokratie gegenüber dem orientalischen Feudalismus, wo ein einziger schwacher Herrscherspross ein Reich ruiniert. Perserkönig Xerxes Johannes Nussbaum schaut ja wirklich aus wie ein stupider Unternehmersohn, der aus dem Straßengraben seinem Porsche-Wrack entstieg. Doch er warnt auch die Athener: Jeder Klage über die Niederlage folgt der Wunsch nach Vergeltung.

Aischylos ließ seine Tragödie mit einem Trauer-Wechselgesang enden. Der Grieche wusste – was noch Goethe in der "Iphigenie" lehrte –, dass Barbaren tiefer fühlen als die attische Zivilgesellschaft. In Rasches Schlussszene steigern sich die 15 halbnackten, leibgegürteten, mit Schlamm statt Ruhm bekleckerten Schlachtheimkehrer in einen gestrampften hasserfüllten Revancheschrei: "Trauere Persien, aber sieg!" Ein ekstatischer Männerchor. Auch Einar Schleef, verliebt gewesen in viriles bis militaristisches Gebrüll, hätte applaudiert.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-19 15:34:07
Letzte Änderung am 2018-08-19 15:42:11


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