Das kultische Theater der Antike erweckt Ulrich Rasche mit modernen Mitteln zu Leben. - © Festspiele/Uhlig
Das kultische Theater der Antike erweckt Ulrich Rasche mit modernen Mitteln zu Leben. - © Festspiele/Uhlig

90 Minuten reichten Michael Thalheimer für Aischylos’ Nachspiel nach den von König Xerxes verlorenen Schlachten von Salamis und Plataiai 480/89 v. Chr. Das Akademietheater behält seine "Perser" als routiniert intimes Vater-Mutter-Kind-Trauerspiel noch im Angebot. Denselben Text von Durs Grünbein, 2001, mehr eine Nacherzählung als eine Nachdichtung, dehnt der deutsche Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche (49) im Salzburger Landestheater auf vier Stunden mit einer Gnadenpause. Denn in die Wörter und Silben der Chor- und Solistenstrophen werden wie in endlosen Litaneien Minipausen gezwängt. Dieses rhythmische Sprechen zum Takt der famosen Trommlerin Špela Mastnak simuliert die Mechanik altgriechischer Versmaße. Katja Bürkle (Ältestenchor), Valery Tscheplanowa (ebenfalls, auch Dareios’ Geist) und Patrycia Ziolkowska (Königsmutter Atossa) schreien sie so laut - als müsste sie, wie anno 472, 5000 Athenern auf den Treppenstufen im Dreiviertelrund um den Orchestra-Kreis am Südhang der Akropolis Schrecken und Schauder einjagen. Für viele Zuschauer mehr Nervenprobe als Ohrenstrapaz (Schutzstöpsel gratis).

Wie Mäuse im Laufrad


Ulrich Rasche, für seine Liebe zu Maschinen und bei Bob Wilson geübtes ritualisiertes Sprechen bekannt, nutzte das große Salzburger Festspielgeld und Frankfurt als Koproduzent zu einem so überraschenden wie einleuchtenden Versuch, Anfänge der europäischen Theaterkunst mit heutiger Technik nachzuzeichnen.

Seit der Renaissance ist das ein Thema für Gelehrte; ihre nachhaltigste Erfindung: die italienische Oper. Das Helmer-Fellner-Haus an der Salzach mag oft radikale Experimente in seinem Plüschrot und Talmiglanz ersticken. Doch diesmal kam das Dreiviertel-Logenrund gelegen. Mittendrinnen baute Rasche wie einen Helikopter-Landeplatz seine kreisrunde Orchestra auf: ein Plateau aus Stahl, mit einem Kern, der sich den ganzen Abend lang gegen den Uhrzeiger dreht.

Die drei Solistinnen (in Attika spielten nur Männer) müssen darauf ohn’ Unterlass stilvoll schreiten, schreiten, schreiten. Wie Mäuse im Laufrad, doch synkopisch langsam. Modern Times! Kein Augenblick Stillstand. Solch feierlich-rhythmisches Vorangehen nährte schon den suggestiven Zauber in der Antike. Genauso betören die drei ranken Damen in eng anliegenden schwarzen langen Kleidern (Chitons wie aus der japanischen Haute Couture von Sara Schwartz) - freilich nicht jeden Gast im Saal gleich ausdauernd. Ihr Verse-Scandando zu Generatorsound und manchmal süßer Bratsche (Musik: Ari Benjamin Meyers) rauscht mit der Zeit trotz manchem Accelerando wie automatisiert durch den Zuhörerkopf und hinterlässt dort mit der Zeit weniger Spuren.