• vom 21.08.2018, 16:56 Uhr

Bühne

Update: 21.08.2018, 17:16 Uhr

Festspiel-Bilanz

Kraftort des Außergewöhnlichen




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Von Christoph Irrgeher

  • Salzburg-Bilanz: Intensive Opern im zweiten Festspielsommer von Intendant Markus Hinterhäuser.

Furios in Gesang und Gestik: Asmik Grigorian als Salome auf der Bühne der Salzburger Felsenreitschule.

Furios in Gesang und Gestik: Asmik Grigorian als Salome auf der Bühne der Salzburger Felsenreitschule.© apa/Barbara Gindl Furios in Gesang und Gestik: Asmik Grigorian als Salome auf der Bühne der Salzburger Felsenreitschule.© apa/Barbara Gindl

Natürlich gab es auch Wermutstropfen. Schade etwa, dass Constantinos Carydis, der neue heiße Name am Dirigentenmarkt, der "Zauberflöte" so mutwillige Töne entlockte. Schade auch, dass der verdiente Bariton Matthias Goerne den Sarastro sang und in der Basstiefe recht kleinlaut klang. Schade über diesen Abend hinaus, dass in diesem Salzburger Sommer nicht nur Jedermann Tobias Moretti zeitweise die Bühne gegen das Krankenbett tauschen musste, sondern auch zwei zentrale Sängerinnen, darunter Asmik Grigorian.

Ansonsten aber lässt sich am Musikprogramm der Festspiele 2018 nur eines bejammern, und das in Richtung Zukunft: Es dürfte jener Mensch, der Intendant Markus Hinterhäuser irgendwann nachfolgt, nicht zu beneiden sein. Die Festspiele prunkten heuer, in Hinterhäusers zweitem Jahr, mit Idealbesetzungen, sie bewiesen Lust am Risiko, erfüllten aber auch die Erwartungen des glanzfreudigen Publikums. Die großen Namen? Alle da, auf der Opernbühne oder im raffinierten Konzertprogramm. Und das gewohnte Opern-Programmschema (also jeweils einmal Mozart, Strauss, Modernes, die Wiederaufnahme der Pfingstfestspiele und ein, zwei Star-Premieren)? Wurde beibehalten.


Sternstunde mit "Salome"
Aber mit Leben befüllt. Mit dem Salzburg-Debüt von Lydia Steier etwa, seit Jahren aktiv in Deutschland. Stimmt schon: Es ist viel gelästert worden über ihre "Zauberflöten"-Inszenierung. Zu spektakellastig, zu zirkushaft, zu eigenwillig, zu überhaupt. Einspruch: Es hat noch jeder Regisseur seine Not mit dieser Oper gehabt, die ihre Unsterblichkeit Mozarts Arien, aber nicht der Handlung verdankt. Wie bringt man diesen Mix aus Märchen, Ausstattungstheater, Volkskomödie und Philosophie unter einen Hut? Steier ist das mit ihrer Comicwelt besser gelungen als dem bierernsten Salzburg-Vorgänger von Jens Daniel Herzog.

Die "Salome" ließ dann alle Konkurrenz hinter sich. Franz Welser-Möst bewies wieder einmal seine Richard-Strauss-Stärke: Kein Dirigent versteht es, das Notendickicht des Festspiel-Mitbegründers so strukturklar und brennheiß aufzubereiten. Romeo Castellucci hat dazu eine dunkle Landschaft geschaffen, und Asmik Grigorian, hinreißend in Geste und Gesang, glänzte als Salome mit einer ähnlichen Fulminanz wie 2005 Anna Netrebko in der kargen Salzburger "Traviata": eine Sternstunde.

Gewiss, "Pique Dame" erwies sich nicht als Trumpf-Ass. Dennoch mutig, Hans Neuenfels wieder einzuladen: Seine Salzburger "Fledermaus", 2001 nach allen Regeln des Regietheaters zugerichtet, hatte einen Zyklon des Zuschauerzorns entfacht. Der blieb diesmal ebenso aus wie der große Erfolg. Mit Dirigent Mariss Jansons setzten die Festspiele dennoch auf eine richtige Karte und fuhren einen musikalischen Erfolg ein.

Ein solcher stellte sich auch bei Monteverdis "L’incoronazione di Poppea" ein. Ein Abend als Paradebeispiel kluger Planung: Ein delikates Ensemble erfüllt höchste Festspiel-Ansprüche, Weltstar Sonya Yoncheva bedient den Diva-Faktor, und die Regie setzt in diesem Windschatten zu einem Wagnis an: Performance-Mann Jan Lauwers, neu auf der Opernbühne, zielt auf ein Gesamtkunstwerk ab. Das erreicht er zwar nicht ganz, aber streckenweise eine hübsche Koexistenz der Sparten Tanz und Gesang. Auch das hat, in seiner Einmaligkeit, Festspiel-Recht.

Eine Modellaufführung
Und das gilt auch für die letzte, die zeitgenössische Premiere, Hans Werner Henzes "The Bassarids" - ein Ereignis in der Felsenreitschule. Krzysztof Warlikowski, Legende des Sprechtheaters, bebildert die Geschichte vom Zivilisations-Zusammenbruch in Theben mit wachsender Dringlichkeit, Kent Nagano führt die Wiener Philharmoniker zu höchsten Transparenzwerten und doch massiver Fülle, und das Sängerensemble ist, bis zum siebenten Griechen von links, ideal besetzt. Hier ist Salzburg jener Kraftort des Außergewöhnlichen, den sich seine Gründerväter erträumt haben. Man kann von Glück sagen, dass das 100-Jahr-Jubiläum der Festspiele 2020 noch in Hinterhäusers Ära fällt.




Schlagwörter

Festspiel-Bilanz, Oper

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-21 17:05:43
Letzte Änderung am 2018-08-21 17:16:46


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