Jede moderne Inszenierung des "Kaufmann von Venedig" wird sich daran messen lassen müssen, wie sie mit der Figur des Shylock umgeht. Der jüdische Geldverleiher ist eine der schillerndsten, aber auch fragwürdigsten Figuren des Welttheaters. Er lässt sich den Schuldschein mit einem Pfund Fleisch aus dem Leib des Kaufmanns Antonio absichern und fordert diese Bezahlung bekanntlich auch ein. Er ist ein Rachegeist von beinahe biblischem Ausmaß und zugleich Außenseiter im Geschäftsleben Venedigs, seinen begrenzten Handlungsspielraum weiß er wortmächtig zu nutzen, sein Monolog - "Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften?" - gehört zu den bemerkenswertesten Versen der Theatergeschichte. Das England zu Shakespeares Zeiten ahnte noch nichts vom Antisemitismus späterer Jahrhunderte, der Vorwurf, das Stück sei antisemitistisch, mag zwar ungerecht erscheinen, ist aber dennoch nicht von der Hand zu weisen. Im Lauf der Rezeptionsgeschichte wurde Shylock nämlich zur Verkörperung des Juden schlechthin.

Wall Street oder eine Frau


Volkstheater-Intendantin Anna Badora entwickelt für ihre "Kaufmann von Venedig"-Inszenierung, mit der sie am 8. September die Spielzeit im Haupthaus eröffnet, einen überraschenden Coup: Es gibt Shylock gleich drei Mal. Das Publikum wählt am Beginn jeder Vorstellung "seinen" Shylock. Zur Wahl stehen Sebastian Pass, Rainer Galke und Anja Herden. Der Shylock des Sebastian Pass sei, so Badora in einem Pressegespräch, am ehesten am Vorbild eines traditionell-konservativen Kaufmanns orientiert, im Gegensatz dazu verkörpert Rainer Galke den Typ des modernen Geschäftsmannes, angelehnt an Gert Voss und die kühle Wallstreet-Atmosphäre in Peter Zadeks legendärer "Kaufmann"-Inszenierung. Anja Herden hingegen bietet als farbige Frau eine gänzlich neue Projektionsfläche für die umstrittene Figur. "Es geht uns nicht primär um die jüdische Frage", stellt Badora mit ihrer Dreifachbesetzung klar, "vielmehr wollen wir die Mechanismen von Zuschreibungen, die Wirkungsweise von Klischees aufzeigen." Die drei Akteure werden den Zuschauern am Beginn des Abends vorgestellt. Mittels Applaus-O-Meter wird abgestimmt. "Damit weiten wir das Spielprinzip auf das Publikum aus", so Badora. "Es geht um eine kollektive Einigung, wie man sich die Figur des Shylocks vorstellt." Diese Spielanordnung erfordert vom Ensemble ein hohes Maß an Flexibilität. Schließlich gehen mit den variierenden Shylock-Bestzungen auch einige andere Umbesetzungen einher, wenn sie nicht gerade Shylock spielen, verkörpert Anja Herden etwa die Rolle der Portia, Rainer Galke steht dann sogar als Shylock-Gegenspieler Antonio auf der Bühne und Sebastian Pass gibt den Lanzelot. "Im Grunde haben wir drei Stücke inszeniert", so Badora.

Noch ein zweites Mal wird das Publikum zur Abstimmung gebeten: Vor Shylocks zentralem Monolog stellen sich die drei Protagonisten erneut zur Wahl. "Im Probenprozess haben wir erlebt, wie unterschiedlich die anderen Akteure auf die jeweiligen Shylock-Darsteller reagieren. Es sind drei komplett andere Herangehensweisen, das wollen wir dem Publikum nicht vorenthalten," präzisiert Badora den künstlerischen Mehrwert der Aktion. "Es geht uns nicht um Moralisierung, vielmehr ist es eine Einladung ans Publikum, den Abend mitzugestalten."