• vom 06.09.2018, 16:31 Uhr

Bühne

Update: 06.09.2018, 16:49 Uhr

Theaterkritik

Beine breit und durch




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Von Christina Böck

  • Ein-Personen-Stück mit zwei Schauspielern: die Roman-Adaption "Kommt ein Pferd in eine Bar" im Akademietheater.

Samuel Finzi im Spiel mit sich selbst.

Samuel Finzi im Spiel mit sich selbst.© Bernd Uhlig Samuel Finzi im Spiel mit sich selbst.© Bernd Uhlig

"Kommt ein Pferd in eine Bar" - die Pointe zu diesem Witz wird man an diesem Abend nie zu hören bekommen. Dafür eine ganze Menge andere Unterste-Schublade-Witze, die Dov Grinstein zu bieten hat. Der Stand-up-Komiker absolviert einen Auftritt in der israelischen Industriestadt Netanja. Er ist ein Publikumsbeschimpfer ersten Ranges, vor allem die aufgeputzten Damen haben es ihm angetan, die er in Klischeekaskaden über Botox, Aufspritzlippen und andere Maßlosigkeiten ("Glauben Sie wirklich, Sie können sich in Zeiten wie diesen zwei Kinne genehmigen?") abfertigt. Seine Witze sind so schweinisch wie seine ganze Vorstellung, wie Komödiantik funktioniert: Erfolg hat der Komiker, wenn das Publikum die Beine breit macht. Das erklärt er seinen Zuhörern ungeniert - mit denen er immerhin eine Flasche Stoli teilt, die er durch die Reihen im Akademietheater gehen lässt. Dahin ist diese Bühnenfassung des gleichnamigen Romans von David Grossman nun von den Salzburger Festspielen übersiedelt. Regisseur Dušan David Pařízek hat sie einer Straffung unterzogen, die dem Theaterabend guttut und der hypnotisierenden Schauspielleistung von Hauptdarsteller Samuel Finzi gerecht(er) wird.

Die scherzhaften Attacken Grinsteins gegen seine wackere Zuhörerschaft überspielen nur kurz, dass sein geballter Hass vor allem ihm selbst gilt. Und in einer furiosen Abrechnung mit seinem "gescheiterten Sein" erzählt er - auf zugegeben gewundenen narrativen Wegen -, wie es dazu kam. Er beginnt ganz am Anfang, mit dem Vorwurf an seine Mutter, die doch "immer nur mein Bestes wollte und mich doch auf diese Welt gebracht hat". Und mit einer cartoonhaften Nachstellung seines Zeugungsaktes, den er in militärischer Zackigkeit als libidinöses Gegenspiel zum gleichzeitig ablaufenden Sinai-Feldzug interpretiert. Immer wieder bringt er auf diese beiläufige Weise Israels wechselvolle Geschichte und umstrittene Politik zur Sprache und berserkert sich in ähnlicher Art auch durch die Shoah und ihre hinterhältige Nachwirkung auf die Nachkommen der (einsam) Überlebenden. So wie Grinstein einer ist.

Information

Theater
Kommt ein Pferd in die Bar
Akademietheater
Wh.: 8., 14., 15. September, 12., 13., 21., 27. Oktober

Handstand in der Hölle

Die Bühne ist kärglich, aber funktional bestückt. Eine Holzwand dient erst als Projektionswand für die Videos, die Finzi von seiner geschundenen Figur mit Handkamera macht. Mit der illustriert er auch mittels Trick seinen Kindheits-Tick, bei Stress im Handstand zu laufen. Nachdem er die Holzwand mit Hallknall umgeworfen hat - der Moment, in dem klar wird, dass jetzt wohl Schluss mit lustig sein wird -, verwandelt sie sich in eine Drehbühne. Dort erzählt er von der schicksalhaften Fahrt zu einem Begräbnis.

In diesem letzten Drittel, in dem er gequält, aber packend einerseits aus der Hölle berichtet und daneben mit dämlichen Witzen verzweifelt die Beine seines Publikums breithalten will, schraubt sich Finzis darstellerische Wucht immer tiefer ins Fleisch. Und lässt als fast peinlichen Nebeneffekt ganz vergessen, dass Mavie Hörbiger auch noch auf der Bühne ist. Sie spielt Grinsteins Jugendbekanntschaft Pitz und verkörpert den Glauben an das Gute im Menschen. Ihre Rolle jedoch ist so nebbich und ihr Spiel bleibt so unauffällig, dass die Frage legitim ist, warum Dušan David Pařízek nicht auch auf diese Figur des Buchs verzichtet hat wie auf einen anderen Freund Grinsteins.

Mit dem Mut, diesen Roman als Ein-Personen-Monolog aufzuziehen, hätte vielleicht ein brillantes Stück daraus werden können. Samuel Finzi hätte das zweifellos gestemmt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 16:42:01
Letzte Änderung am 2018-09-06 16:49:10


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