"Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: ,Wer weiß, wie ich gehandelt hätte?‘ Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich." Das sagt Otto Schiendeck (Raphael von Bargen), Ortsgruppenleiter und Nazispion auf der "SS St. Louis" gleich als Einstieg in Daniel Kehlmanns neues Stück "Die Reise der Verlorenen". Und unwillkürlich stellt sich die Frage: Sind das die selbstgerechten Worte eines Nazis, der von der Richtigkeit seiner Abscheulichkeit aus tiefstem Herzen überzeugt ist? Oder sind es die selbstgerechten Worte eines Autors, der seinem Publikum pauschal die moralische Urteilsfähigkeit abspricht?

Es ist nur eine von vielen Fragen, die "Die Reise der Verlorenen", die am Donnerstag im Theater in der Josefstadt Uraufführung in der Regie von Janusz Kica feierte, aufwirft. Das Stück erzählt die wahre Geschichte der "Irrfahrt der St. Louis", die 1939 über 900 Juden nach Kuba bringen sollte, wo sie dem Tod in Deutschland entkommen wollten. Kuba hatte aber bereits ein Dekret erlassen, das die Landung der Flüchtlinge untersagte. Das Schiff musste nach Europa zurückkehren. Teilweise landeten die Verfolgten in Ländern, die letztlich in die Hände der Nazis fielen. Fast ein Viertel der Passagiere soll letzten Endes getötet worden sein.

Die Bühne ist in rostiger Bullaugen-Maschinenraum-Optik designt (Walter Vogelweider), ein üppiges Ensemble macht das Schiff voll. Einzelne Passagiere stellen sich an der Rampe vor. Der Hebräischlehrer Aaron Pozner (Roman Schmelzer), der bereits im KZ war. Max Loewe (Marcus Bluhm), der seiner Frau (Maria Köstlinger) nicht glauben kann, dass es irgendwann besser wird. Kehlmann lässt die Figuren immer wieder betonen, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Sie erzählen daher gleich, was aus ihnen geworden ist. Loewe etwa war einer der wenigen, die in Kuba von Bord durften - weil er sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Pozner wurde in Auschwitz umgebracht.

Korruption und Moral

Herbert Föttinger spielt den Kapitän, der zwischen seiner Pflichterfüllung, dem Mitgefühl mit den Passagieren und der Machtlosigkeit angesichts der Naziherrschaft seines Stewards Schiendick hin und her taumelt. Kehlmann gibt in seiner Interpretation der Geschehnisse den absurden Verhandlungen, die die Irrfahrt begleiteten, viel Raum. Optisch stereotyp als südamerikanisch-mafiös zu erkennende kubanische Politiker (Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo von Brouwer als geldgieriger Minister) verdribbeln sich im Parcours zwischen Populismus und Korruption. Die Amerikaner stehen als Meister darin da, Moral von anderen zu verlangen, die sie selbst nicht leisten. Am Ende ist es allen wichtiger, ihr "Gesicht zu wahren", als Menschen vor dem Tod zu retten.

"Die Reise der Verlorenen" ist kein leiser Kommentar zur aktuellen Flüchtlingsdebatte. Die Situation der "St. Louis" und ihrer Passagiere lässt sich nicht direkt mit modernen Migrationsphänomenen vergleichen, auch wenn mancher gern die Geschichte instrumentalisieren würde. Einzelne Parallelen sind aber deutlich: Der kubanische Präsident, der argumentiert, dass er irgendwann einen Aufnahmestopp anordnen müsse, also warum nicht gleich. Die Männer, die sich rechtfertigen, dass sie vorausgegangen sind, um später ihre Frauen und Kinder zu holen. Das Arztehepaar (Ulrich Reinthaller, Sandra Cervik), das, um seine Würde zu bewahren, in Abendkleidung zum Boarding gekommen ist - gefundenes Fressen für die Nazi-Propaganda und Erinnerung an bösartige Geschichten rund um Flüchtlinge mit Smartphones. Der letzte Ausweg, den Kapitän Schröder sieht: die absichtliche Havarie, damit alle von der Küstenwache gerettet werden müssen. All das versteht man auch ohne das plumpe Schussbild, das das von Ai Weiwei abwärts verbrauchte künstlerische Klischee der Schwimmwesten strapaziert, die am Ende alle tragen - außer dem Nazi. Jedenfalls ein Stück, das zum Nachdenken anregt.