• vom 09.09.2018, 08:30 Uhr

Bühne

Update: 11.09.2018, 11:36 Uhr

Interview

"Alle schreien nach Veränderung"




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"Schönster Beruf der Welt"? Klingt etwas naiv in meinen Ohren. Die eigene Haut trägt man in vielen Jobs zu Markte, jeder Hausarzt trägt mehr Verantwortung. Theaterspielen ist zuallererst Handwerk. Wie in jedem künstlerischen Beruf liefert Gelerntes die Basis für das, was man nicht so genau beschreiben kann. Für etwas Unwägbares, von dem ich selber nicht weiß, wie es eigentlich geht.

Auch nicht nach mehr als 20 Berufsjahren?

Am Theater geht es nie darum, erarbeitete Abläufe möglichst präzise zu wiederholen. Dieses Mehr, die Einmaligkeit und Unmittelbarkeit des Theaters ist unplanbar.

Klaus Manns "Mephisto" erfährt derzeit eine Renaissance am Theater, in jüngsten Dramatisierungen in Bonn und Frankfurt wurde die Situation in Deutschland, wo die rechtspopulistische AfD bekanntlich hohe Zustimmungswerte hat, mitgedacht. Man las das Stück als Warnung. Wie geht man in Wien damit um?

Wenn man die Welt betrachtet, ist man genug gewarnt. Wir erleben derzeit einen allgemeinen Rechtsruck, der noch nie jemanden weitergebracht hat. Es ist erschreckend, wie viele Parallelen es heute zu den 1930er Jahren gibt.

Kann man die politische Situation der Weimarer Republik überhaupt mit unserer Gegenwart vergleichen? Ist die Gefahr der Vereinfachung nicht zu groß?

Natürlich leben wir in einer völlig anderen Zeit, es geht uns ökonomisch viel besser. Dennoch gibt es rechte Vorstöße, die vor Kurzem noch undenkbar gewesen wären. Jüngstes Beispiel: Der FPÖ-Wehrsprecher Reinhard Bösch schlägt die zeitlich begrenzte Besetzung Nordafrikas mit militärischen Mitteln vor! Heute sind wir uns darüber einig: Das ist vollkommen absurd. Aber was werden wir morgen darüber denken? Michael Köhlmeier sagt: "Das Böse kommt in kleinen Schritten." Wir müssen wachsam bleiben.

Wie überstand Ihre Familie die NS-Zeit?

Die Familie meiner Mutter stammt aus Irland, mein Großvater kämpfte im Ersten Weltkrieg auf englischer Seite, für den Zweiten Weltkrieg wurde er ausgemustert. Mein Großvater väterlicherseits diente in der deutschen Wehrmacht und kehrte völlig gebrochen und traumatisiert aus Finnland zurück. Später wurde er Portier im Innenministerium und verehrte Kreisky. Er war ein großer Sozialist. Was er im Krieg erlebt hatte, darüber sprach er nie. Wie so viele.

Wie lautet Ihre Gegenwartsdiagnose?

Alle schreien immerzu nach Veränderung, dabei fürchtet man nichts so sehr wie Veränderungen, außerdem weiß niemand genau, was sich eigentlich verändern sollte. In solch einer paradoxen Situation präsentiert die Politik nur Befindlichkeiten, aber keine Inhalte, bestenfalls populistische Ideechen. Was ich vermisse, sind Visionen.

Sie gehören zu jenen Burgtheater-Mitarbeitern, die Anfang dieses Jahres die beschämende Arbeitsatmosphäre unter Ex-Intendant Matthias Hartmann per Brief enthüllten, andere wollten das Schreiben nicht unterzeichnen. Ist das Ensemble gespalten?

Es war nicht nur ein Brief gegen Hartmann, sondern gegen Missstände am Theater. Man kann Hierarchien achten, dennoch auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. Am Theater passiert das häufig nicht, was für die Arbeit nicht förderlich ist. Auf der Bühne geht es um moralische Fragen, hinter der Bühne interessiert das offenbar niemanden. Eine erstaunliche Diskrepanz! Dagegen stehe ich gerne auf. Manche wollten das nicht öffentlich machen, andere fanden wiederum, dazu sei es zu spät.

Sie waren anderer Meinung.

Das ist nicht ungewöhnlich, wenn es um Machtmissbrauch geht. Da wird lange nicht darüber gesprochen, man fühlt sich angegriffen, fassungslos, allein. Es braucht Zeit, bis man darüber reden kann. Ich weiß nicht, warum manche Kollegen nicht unterschrieben haben, ich will das auch gar nicht verurteilen, jeder hat seine Gründe. Wichtig ist, dass wir weiter miteinander im Gespräch bleiben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-07 17:03:04
Letzte Änderung am 2018-09-11 11:36:02


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