Klatscht, liebe Gäste, so laut ihr könnt! Ein Applaus-O-Meter, vom Bundesamt für Populismus geeicht, zählt eure Dezibel. Welcher Jude soll dem "Kaufmann von Venedig" das als Pfand für einen Kredit verfallene Herz aus der Brust schneiden? Wie Lose in einer Auktion werden drei Juden-Typen zum Messer gerufen. Rainer Galke steht als "seriöser Kapitalist" bereit – dicklich, Halbglatze, abgetragener Anzug. Sebastian Pass, der kleingewachsene "Jude aus Wien", hat Korkenzieherlocken umgehängt. Anja Herden machen dunkler Teint und die Kingsize-Handtasche zur "erfolgreichen Geschäftsfrau mit Migrationshintergrund".

Shakespeare in Wien zwangsdemokratisiert. Diesen Gag, diesen Coup trommelte Anna Badora, Volkstheaterdirektorin bis 2020 und Regisseurin der Saison-Eröffnung, vorab in Interviews aus. Um "die Mechanismen von Zuschreibungen, die Wirkungsweise von Klischees aufzuzeigen", sagt sie. Was ist über den Antisemitismus aufgezeigt, wenn das Premierenpublikum die Nummer 3 kürt? Gewann Anja Herden als exotisch-erotische Männertraumfrau mit der lautesten Claque? Verlor Galke, weil er zu wenig, und Pass, weil er zu sehr dem Karikaturisten-Stereotyp entspricht? Eine Pandora-Büchse ist aufgetan, aus der durch die NS-Rassengesetze normierter Verdächtigungsschmutz quillt.

Shakespeares Doppelton-Drama über drei Liebespaare (Romantik) und einen beleidigten, rachsüchtigen jüdischen Handelsherrn (Realismus) ist zur Improvisationsrevue entstellt. Denn je nach Shylock-Wahl muss das Ensemble umgruppiert werden. Sodass nicht nur jeder Shylock eine zweite Rolle auf Applauskommando liefern können muss – auch Günter Franzmeier, Lukas Watzl, Isabella Knöll, Marius Huth erdulden den PR-geilen Übermut der Direktionsregie.

Jan Thümer führt das Ensemble in rauem Italienisch als Spielansager ins Bühnen-Halbrund. Ein Rooftop-Spielkasino in Rot mit sich drehendem Boden und Ausblick auf Wolkenkratzer zur Nachtzeit. Die Abstimmungsregeln werden verkündet, die Zählwerke stoppen bei 84-86-90. Erste Alles-dreht-sich-Nummer: Kasinokapitalismus als Spielhöllentanz. Pendelt der Schauplatz auf Portias Landsitz Belmont – in Peter Zadeks Regie an der Burg ein märchenhaft menschliches Privatum – ist auch dort ein übermenschengroßes (pannenanfälliges) Rouletterad aufgebaut. Kaputtgemacht der melancholische Zauber einer anderen Welt. Auch durch Isabella Knöll als reiche Erbin Portia im Dress einer Nachtklubsängerin. Eine Paris Hilton auf ordinär, sprechtechnisch verbesserungsfähig. Wollte Badora damit sagen: Der Kapitalismus räuchert auch die feudalen Inseln des Andersseins aus? Das wäre eine bedenkenswerte Warnung.

Shylock als Frau, die Versuchsanordnung somit ganz ausgereizt. Ein von Euripides in den "Bakchen" festgeschriebener Mythos schimmert durch (und lenkt ab): Die beleidigte, unterdrückte Frau als Rachefurie schreitet zur rituellen Tötung des Mannes. Anja Herden managt das Geldgeschäft mit dem bärlihaften Antonio noch in spitzen Reden und Gegenreden. Bei der zweiten Wahl, nach der Pause, bekommt sie zurecht wieder die meisten Stimmen und darf weitermachen. Doch je später der Abend, desto unschärfer und sinnloser viele Gesten. Griffe in den Männerschritt und an den Busen, Halbvergewaltigungen, Mummenschanz mit Horrormasken, die Ausraubung von Shylocks Wechslerbude als Slapstick-Nummer. Elisabeth Plessens für Zadek geschaffene Übersetzung ächzt unter groben Aktualisierungen. Zwischendurch ein hebräisches Lied (Evi Kehrstephan), das kaum wer versteht. Unter zu viel Action gehen Schlüsselsätze unter. Fritz Kortner und Ernst Deutsch erschütterten damit nach der Aufdeckung des Holocausts das deutsche Theater. Dagegen im Volkstheater heute: Event-Erregtheit, anti-antisemitischer Karneval.

Wird dann Gericht gehalten über die Jüdin, die auch nicht für die dreifache Tilgung ihres Kredits ihren Rachetitel verkaufen will, zieht pathosvoll am Rundhorizont eine bibelgerechte Wüstenlandschaft auf. Auch Abraham hatte schon das Messer in der Hand.
Jetzt packt Frau Shylock ihr Operationsbesteckchen aus, tupft dem sich täppisch heldenhaft gebärdenden Antonio mit Desinfektionsmittel die Brust ab und greift schon zum Skalpell. Halt! Deus ex machina rettet. In schlampigem Durcheinanderrennen endet ein listig nach Solidarität schielender Abend.